Gestern
habe ich London die Premiere von Umberto Giordanos leider viel zu
selten gespieltem Andrea Ché nier besucht. Dieses Werk gehört für mich zu
den bewegendsten Opern überhaupt, da ist alles dabei was einen zu
fesseln vermag. Liebe, Eifersucht, Gewalt, Verrat, aber auch Loyalität
und Menschlichkeit - und das vor historischem Hintergrund der
französischen Revolution, einer der spannendsten Epochen der
Geschichte. David McVicar bringt all das eins zu eins nach dem Libretto
auf die Bühne und lässt Giordanos mitreissende Musik für sich sprechen.
Robert Jones hat dafür klassizistische Wände nach historischen
Architekturstudien gebaut, die in unterschiedlichen Formationen
angeordnet, detailliert die unterschiedlichen Schauplätze abbilden: das
Schloss des ersten Akts in seiner dekadenten Entrücktheit, ein Café und
Strassenzug für den zweiten, das Revolutionstribunal in
grausam-realistischer Monumentalität für den dritten, sowie hohe
Gefängniswände im vierten Akt. Jenny Tiraminis Kostüme sind ein wahres
Fest für die Augen und könnten einem historischen Gemälde entsprungen
sein. Der Regisseur nutzt diesen Rahmen um dem Werk zu dienen - nicht
mehr und nicht weniger. Genau so soll es meiner Meinung nach sein. Diese
Inszenierung könnte man in ihrer Opulenz, Detailliertheit und
Menschlichkeit durchaus mit Otto Schenk und seiner berühmten Wiener
Inszenierung vergleichen, die nach 30 Jahren immer noch auf dem
Spielplan steht, und man kann hoffen, dass diese McVicar
Inszenierung ebenso lange erhalten bleibt. Schliesslich werden
heutzutage ja viele Neuinszenierungen bereits nach wenigen
Aufführungen entsorgt. Jonas Kaufmann hat mich jedoch in der Titelrolle
nur eingeschränkt überzeugt. Sein Material ist nach wie vor kraftvoll
und schön baritonal eingefärbt. Das ist aber auch alles positive, was
ich über diesen Sänger schreiben kann. Die Stimme klingt abgenutzt,
undifferenziert und scheint dem Dauerforte verpflichtet. Auch die
"kloßige Intonation", die bei Kaufmann schon immer störte, scheint sich
eher zu verschlechtern, zusätzlich bahnen sich neuerdings
Registerbrüche an. Kaufmann ist ein "Allessinger", und das hört man
mittlerweile deutlich. Auch sein Spiel war bei der Premiere kühl und
stocksteif - aber solange ihn seine treu ergebenen Fans in alle
Vorstellungen hinterher reisen und fast militant bejubeln, wird uns
dieser Sänger erhalten bleiben. Aber vielleicht bin ich ja taub. Weshalb
der Abend dennoch musikalisch lohnend war, waren Eva-Maria Westbroek
als Maddalena und Zeljko Lucic als Gérard. Westbroeks üppiger Sopran
nahm mit warmen Bögen von Anfang an gefangen, schöne Höhen und Piani
begeisterten rundum. Erschütternd gestaltete die Sängerin das zentrale
"La Mamma Morta" und dominierte die Bühne im Schlussduett. Lucic singt
den Gérard vielleicht etwas grobschlächtig, aber sein warmer angenehmer
Bariton gewinnt im Laufe des Abends, der Sänger gewinnt im dritten
grosse, fesselnde Intensität, gerade im Zusammenspiel mit Eva-Maria
Westbroek. Von den zahlreichen Nebenrollen müssen vor allem Rosalind
Plowright als Contessa di Coigny, Denise Graves als Bersi und Elena
Zilio als Madelon positiv erwähnt werden, die ihre kurzen Auftritte zu
Ereignissen gestalteten. Nicht dem Niveau des Royal Opera Houses
entsprechend war dagegen der dünnstimmige Carlo Bosi als Incroyable. Der
Chor sang seinen anspruchsvollen Part auf höchstem Niveau und das
Orchester des Royal Opera Houses unter Antonio Pappano spielte rundum
grossartig. Der Dirigent fand stets die richtige Balance zwischen
sängerfreundlich und spannend, ausserdem waren viele Details wunderbar
herausgearbeitet. Am Ende gab es grossen Applaus für die Sänger und das
Regieteam. Gerne würde ich diese Inszenierung noch einmal sehen - dann
allerdings mit einem anderen Titelhelden !
opera head
Mittwoch, 21. Januar 2015
Samstag, 27. Dezember 2014
La Bohème in Lübeck
Als melancholische „Winteroper“
eignet sich La Bohème wohl nicht nur durch ihren tragischen Inhalt,
sondern die allgegenwärtige Präsenz von Schnee, Eis und Kälte. So
war es denn wohl auch kein Zufall, dass das schöne Lübecker
Jugendstiltheater am 2. Weihnachtsfeiertag nahezu vollbesetzt eine
interessante und stellenweise hervorragend besetzte Aufführung der
Oper erlebte.
Allerdings hatte man es wohl versäumt,
Roman Brogli-Sacher darauf aufmerksam zu machen, dass es sich
bei einer Oper um Vokalmusik handelt und das Orchester der BEGLEITUNG
dienen sollte. Wem es Freude macht, Loriot-Gedächtnis-Wettbewerben à
la „Ich kann lauter/länger....etc. als Sie“ zwischen Sängern
und Dirigenten beizuwohnen, der wäre wohl gestern voll auf seine
Kosten gekommen; aber jemand, dem es leid um schöne Stimmen tut, und
der nicht gekommen ist, um eine Sinfonie mit Gesangsbeilage, sondern
Oper zu erleben, der hat an Brogli-Sachers Dirigat wohl kaum Freude
haben können. Natürlich ist Puccinis unsterbliche Musik
leidenschaftlich und feurig, aber sie ist auch innig, zart und
verträumt – und das ließ das Orchester sehr vermissen.
Die britische Sopranistin Anna
Patalong verlieh der Mimì mit ihrer warm timbrierten, vollen und
zugleich weichen Stimme genau das, was diese Rolle braucht. „Mi
chiamano Mimì“ gelang ihr mit Charme und Liebenswürdigkeit und
das „Donde lieta uscì“ melancholisch und rührend, ohne jemals
ins Sentimentale und Aufgesetzte abzugleiten, was übrigens auch für
die wunderbar gesungene und gespielte Sterbeszene galt.
Ein reizvoller Kontrast dazu war die
hinreißende Musette von Evmorfia Metaxaki. Besser gesungen
wird man die leichtlebige, ihren Vorteil gut zu nutzen wissende
Künstlerfreundin wohl an größeren Häusern auch nicht zu hören
bekommen. Das „Quando m'en vo“ entfaltete nicht nur dank ihrer
voluminösen, sinnlichen Stimme, die mit dem bedrohlich
lauten Orchester mühelos konkurrieren konnte, sondern auch aufgrund
ihrer darstellerischen Fertigkeiten seine Wirkung. Schade, dass die
Inszenierung gerade beim Musettewalzer so viel
verschenkt hat.
Der italienische Tenor Gabriele
Mangione in der Rolle des träumerischen Poeten Rodolfo hat ein
stimmliches Material, von dem viele „Stars“ sich gerne etwas
abzwacken würden, doch leider scheint er damit nicht richtig umgehen
zu können. Fantastische Höhen sind das Eine, aber mangelnde
stilistische Grundkenntnisse können dadurch nicht wettgemacht
werden. Unruhige Phrasierung, zeratmete Phrasen, kein ausreichendes
Legato – da gäbe es noch einiges zu tun. Es bleibt zu hoffen, dass
der noch junge Sänger diese Lücken schließen kann, denn dann wäre
er bei einem solchen tenoral-strahlenden Volumen ein echter
Geheimtip, und zwar nicht nur als Rodolfo.
Gerard Quinn in der Rolle des
Marcello ist ein altgedientes „Schlachtroß“ des Lübecker
Ensembles, der seinen vollen, wohl timbrierten Bariton hier in vielen
Rollen erfolgreich präsentiert hat. Die Höhe ist immer noch
wunderbar, aber die Mittellage ist doch im Laufe der Jahre ein wenig
grau geworden. Sein unglücklich liebender Marcello war dennoch sehr
ordentlich und solide gesungen und gespielt.
Johan Hyunbong Choi (Schaunard)
und Taras Konoshchenko (Colline) vervollständigten das
Künstlerquartett mit kraftvollem, üppigen Gesang und waren auch
darstellerisch äußerst überzeugend.
Paolo Micchichè hat bei der
Inszenierung bewusst auf ebenso überflüssige, wie aber heute nahezu
unvermeidliche Aktualisierungen verzichtet und zur Abwechslung einmal
dem Libretto vertraut, was an den projizierten Bühnenbildern nach
Entwürfen der Uraufführung der Oper als auch an den Kostümen
sofort klar wurde – wobei man auf die zwei modernen Zitate in Form
von Marcellos pelzbesetztem Parka im zweiten Akt sowie Rodolfos
Lederblouson im dritten Akt sehr gern hätte verzichten können;
derlei tut absolut nicht not und fällt aus dem ansonsten äußerst
stimmig dargestellten 19.Jahrhundert heraus. Künstlermansarde, Café
Momus und Barrière d'Enfer waren als Projektionen zu sehen und
bildeten einen durch die Zweidimensionalität wenn auch ungewohnten,
aber doch ausreichenden Rahmen zum Geschehen auf der Bühne.
Ebenfalls positiv zu erwähnen ist die Lichtregie, die mangels Können
von vielen Regie-Zwangsbeglückern heute eher stiefmütterlich
behandelt wird. Verfolger kamen dabei ebenso zum Einsatz wie ein
sehr stimmungsvolles Blau zum „O soave fanciulla“. Das in „oben“
und „unten“ unterteilte Bühnenbild im zweiten Akt ist nicht neu,
aber es genügt nicht, wenn das Künstlerquartett auf der unteren
Ebene mit Musette und Alcindoro quasi als Kammerspiel allein
interagiert, während das Pariser Volk auf der oberen Ebene
lustwandelt, Spielzeug und Süßigkeiten erwirbt und das französische
Militär preist. Musette hatte keine Gelegenheit, mit ihren Arie
junge und alte Passanten, Soldaten und Schaulustige zu betören und
durch ihren frivolen Auftritt Marcello somit vollends zum Rasen zu
bringen. Ihr blieb nur die Bezugnahme auf ihren gänzlich
überforderten, ältlichen (obwohl hier leider gar nicht so
lächerlich-ältlich wirkenden) Liebhaber Alcindoro, was auf die
Dauer dann doch ein wenig eintönig wirkte.
Im vierten Akt sind Piccichè dann wohl
die Ideen ausgegangen, denn die Projektion des zumal sehr
unansehnlichen Madonnenbilds ( eine verworfene, frühere Skizze
Marcellos??), das wie ein unattraktiver Todesengel über den Szenerie
thronte, hatte mit der Mansarde und auch der Szene nichts mehr zu
tun. Auch der Gedanke, die Bühne bei den letzten Takten der Oper in
gleißendes Licht zu tauchen und somit eine sterile
Krankenhausatmosphäre zu schaffen, ging an Musik und Text vorbei.
Dennoch – angesichts dessen, was man
heute an großen wie an kleinen Häusern in punkto „Neuinszenierung“
so vorgesetzt bekommt, muss sich Lübeck mit dieser Produktion
keineswegs verstecken, zumal das sängerische Niveau größtenteils
sehr hoch ist.
Weitere Infos hier: http://www.theaterluebeck.de/index.php?seid=11&St_ID=699
Mittwoch, 17. Dezember 2014
Luisa Miller in Zürich - WIEDERAUFNAHME
Ich
verbinde oft das Geschäftliche mit meinen Hobbies, und da ich viel herumreise, komme ich weltweit in
den Genuss vieler Opern. Jetzt war Zürich an der Reihe. Noch nie zuvor war ich in Luisa Miller. Zürich ist ein stilvolles Haus und elegantes Publikum, aber es war nicht ausverkauft. Es
wurde phantastisch gesungen, die Inszenierung war wie so oft schlecht.
Elena Mosuc ist eine phantastische Luisa. Glockenheller Klang, tolle Höhen, sehr virtuos, man kann sie gut und gerne mit ihren großen Vorgängerinnen in dieser Rolle vergleichen. Leo Nucci als ihr Vater war ein Traum. Klar ist er nicht mehr jung, aber die Stimme ist intakt und klingt sehr frisch. Die Technik ist vorbildlich, er weiss wie man bei einer so lange Karriere pfleglich mit der Stimme umgehen muss. Ausserdem bringt er viel Persönlichkeit mit, was man bei vielen jungen Sängern vergeblich sucht. Ivan Magri war ein wunderbarer Rodolfo mit schöner Höhe, viel Gefühl, weichem Timbre und italienischem Temperament. Bravo! Vitali Kowaljow war ein Ehrfurcht gebietender, grausamer Walter mit grossem schwarzen Fundament und Wanwei Zhang ein herrlich böser Wurm, toll gespielt und gesungen. Die Federica von Judith Schmidt hat auch alle Anforderungen erfüllt, eine noble verletzliche Frau. Ein Highlight war das berühmte Quartett. Leider war das Orchester sehr schlecht. Schon die Ostinati-Stellen der Ouverture waren ungenau gespielt, auch die Holzbläser hatten wohl einen schwarzenTag. Carlo Rizzi war überfordert und oft einige Takte hinter den Sängern.
Die Regie hatte der Italiener Damiano Michieletto geführt, die Bühne stammt von Paolo Fantin, für die Kostüme zeichnete Carla Teti verantwortlich. Die gute Nachricht: Es spielte im 18 Jahrhundert, und man musste nicht kotzen . Die schlechte: Es wurde mir fast schwindelig von dem sinnlosen und nervigen Einsatz der Drehbühne auf dem hässlichen Entwurf. Die Solisten trugen zwar herrliche authentische Kostüme, der Chor war allerdings einmal wieder nur grau in grau und glich Fabrikarbeitern. Niemals würde eine Dame wie Federica von solch einem heruntergekommenen Gefolge begleitet werden. Und dann gab es da auch noch Kinder: Luisa und Rodolfo als Kinder, als die Welt noch heil war. Dass der kleine Rodolfo sich in Unterwäsche im Bett wälzt, hat sicher den pädophilen Anteil des Publikums gefreut, ich fand es allerdings sehr peinlich. Aber im Vergleich zu dieser Regie habe ich in meinem Leben noch viel, viel schlimmeres gesehen, und alleine wegen der Solisten war es einen Besuch wert :-) .
Am Ende gab viel Applaus. Dann bis zum nächsten Opernabend!
Elena Mosuc ist eine phantastische Luisa. Glockenheller Klang, tolle Höhen, sehr virtuos, man kann sie gut und gerne mit ihren großen Vorgängerinnen in dieser Rolle vergleichen. Leo Nucci als ihr Vater war ein Traum. Klar ist er nicht mehr jung, aber die Stimme ist intakt und klingt sehr frisch. Die Technik ist vorbildlich, er weiss wie man bei einer so lange Karriere pfleglich mit der Stimme umgehen muss. Ausserdem bringt er viel Persönlichkeit mit, was man bei vielen jungen Sängern vergeblich sucht. Ivan Magri war ein wunderbarer Rodolfo mit schöner Höhe, viel Gefühl, weichem Timbre und italienischem Temperament. Bravo! Vitali Kowaljow war ein Ehrfurcht gebietender, grausamer Walter mit grossem schwarzen Fundament und Wanwei Zhang ein herrlich böser Wurm, toll gespielt und gesungen. Die Federica von Judith Schmidt hat auch alle Anforderungen erfüllt, eine noble verletzliche Frau. Ein Highlight war das berühmte Quartett. Leider war das Orchester sehr schlecht. Schon die Ostinati-Stellen der Ouverture waren ungenau gespielt, auch die Holzbläser hatten wohl einen schwarzenTag. Carlo Rizzi war überfordert und oft einige Takte hinter den Sängern.
Die Regie hatte der Italiener Damiano Michieletto geführt, die Bühne stammt von Paolo Fantin, für die Kostüme zeichnete Carla Teti verantwortlich. Die gute Nachricht: Es spielte im 18 Jahrhundert, und man musste nicht kotzen . Die schlechte: Es wurde mir fast schwindelig von dem sinnlosen und nervigen Einsatz der Drehbühne auf dem hässlichen Entwurf. Die Solisten trugen zwar herrliche authentische Kostüme, der Chor war allerdings einmal wieder nur grau in grau und glich Fabrikarbeitern. Niemals würde eine Dame wie Federica von solch einem heruntergekommenen Gefolge begleitet werden. Und dann gab es da auch noch Kinder: Luisa und Rodolfo als Kinder, als die Welt noch heil war. Dass der kleine Rodolfo sich in Unterwäsche im Bett wälzt, hat sicher den pädophilen Anteil des Publikums gefreut, ich fand es allerdings sehr peinlich. Aber im Vergleich zu dieser Regie habe ich in meinem Leben noch viel, viel schlimmeres gesehen, und alleine wegen der Solisten war es einen Besuch wert :-) .
Am Ende gab viel Applaus. Dann bis zum nächsten Opernabend!
A.S.
Montag, 1. September 2014
Verdi,
Rigoletto, 2013, Klassi Festival Schloss Kirchstetten, Weinviertel, Österreich
Ein
Abend beim KlassikFestival Kirchstetten
„literarische
Kritik“ von Alexandra Zumoberhaus
Man
kann sehr unterschiedliche Zugänge zu den diversen Sommer-Festivals
haben.
Mein Opernabend (Verdi´s „Rigoletto“ im Schloss Kirchstetten) beginnt mit der Auto-Anreise von Wien und ich geniesse bei schönem und mildem Sommerwetter die herrliche Landschaft des Weinviertels. In Kirchstetten angekommen lohnt es sich, den „Schloss-Heurigen“ zu besuchen, denn das Preis-Leistungsverhältnis lässt wirklich nicht zu wünschen übrig; unsere Gläser sind gefüllt, die Teller versprechen optisch so viel, wie sich dann auch der Gaumen erfreuen lässt: kurz, es ist ein genüsslicher Auftakt zu einer Opernaufführung.
Mein Opernabend (Verdi´s „Rigoletto“ im Schloss Kirchstetten) beginnt mit der Auto-Anreise von Wien und ich geniesse bei schönem und mildem Sommerwetter die herrliche Landschaft des Weinviertels. In Kirchstetten angekommen lohnt es sich, den „Schloss-Heurigen“ zu besuchen, denn das Preis-Leistungsverhältnis lässt wirklich nicht zu wünschen übrig; unsere Gläser sind gefüllt, die Teller versprechen optisch so viel, wie sich dann auch der Gaumen erfreuen lässt: kurz, es ist ein genüsslicher Auftakt zu einer Opernaufführung.
Was
erwartet mich? Als Operntraditionalistin habe ich mich gut informiert und weiss,
dass „Oper im Taschenformat“ mir keine opulent-historischen Bühnenbilder und
Kostüme bescheren wird! Was erwartet mich also wirklich im Maulpertschsaal, der
nur eine 20 qm grosse „Bühne“(in diesem Fall ein Podest, ein minimal reduziertes
Orchester und Platz für nicht einmal 200 Zuschauer (und –hörer, hoffentlich!)
bietet?
Darauf lasse ich mich mit Spannung und grosser Vorfreude ein.
Und meine Vorfreude wird auch nicht enttäuscht!
Darauf lasse ich mich mit Spannung und grosser Vorfreude ein.
Und meine Vorfreude wird auch nicht enttäuscht!
Zuerst
aber darf ich aus erster Hand erfahren, dass die Sängerin und Darstellerin der
„Gilda“ erkrankt ist, dass aber auch Ersatz gefunden wurde mit einer 26jährigen
ungarischen Sopranistin. Die „Ur-Gilda“ werde spielen, der Ersatz werde
singen.
Na, da bin ich aber gespannt….
Na, da bin ich aber gespannt….
Eine
wirklich grosse Leistung scheint mir die Arbeit des Dirigenten, Hooman
Kahlatbari ,der die Partitur Verdi´s auf ein wirklich superkleines Orchester
zusammen“stutzte“. Ein Orchester, das trotzdem den Klang der Verdi´schen Oper
widergeben kann. Einzig die Verwendung des Pianos ist mir schleierhaft und halte
ich für überflüssig.
Dass
ich in ein Drama hineingesogen werde wird gleich schon zu Beginn klar, denn
schwarzer Tüll – Trauerflor- und Kerzenlicht geleiten mich die Stufen hinauf in
den Maulpertschsaal. Die Stimmung, die beim Eingang herrscht, ist ein Willkommen
in der Gesellschaft des „Duca di Mantova“, denn einige Höflinge lungern herum,
einigen Damen wird ein rotes Band um den Arm gelegt: Mitgliedszeichen dieser
verkommen-oberflächlichen Gesellschaft, die nur den Genuss im Sinne hat.
Die
kleine Bühne ist spartanisch hergerichtet: schwarzer Tüll beherrscht die Szene,
die Höflinge erwarten uns in vorwiegendem Grau – so viel Lebensfreude, wie die
Musik uns suggeriert – ist da nicht vorhanden: die Tragödie beginnt schon ganz
am Anfang und zieht mich auch gleich in den Bann. Rechte Freude will nicht
aufkommen: die Hofgesellschaft erscheint oberflächlich und gemein – ein toller
Regieeinfall!
Schon
ab den ersten Takten der Musik – in der ersten Szene, wo es erhebliche
Taktschwierigkeiten zwischen Orchester und Sänger gibt (und ich zolle der
Schwierigkeit des injdirekten Sichtkontaktes zwischen Dirigent und Sängern
höchste Vollachtung) - bin ich mitten in der Handlung, lässt doch der Regisseur,
Csaba Nemedi, den ganzen Raum bespielen. Der Herzog küsst Damen im Publikum die
Hand, die Protagonisten erscheinen und verschwinden durch die Türen links und
rechts des Saales: eine wirklich gelungene Art, mich gleich ins Geschehen
hineinzuziehen.
Ein
erster Höhepunkt ist das Auftreten Monterones, ein zumindest optisch extrem
junger Bass, Gelu Dobrea, der mit Stentorstimme die Ehre seiner Tochter
reklamiert und Rigoletto, der sein körperliches Handicap in dieser Inszenierung
per Krücke und Hinken darstellt, verflucht. Als „Signor Maledizione“ wird der
Bass denn auch vorgestellt und zieht sich durch die Doppelrolle Monterones und
des Auftragsmörders Sparafucile unheilvoll durch den ganzen Abend.
Gleich
in dieser ersten Szene am Hof des Duca, zeigt sich, was für mich den ganzen
Abend eines der Highlights sein sollte: ein Mini-Chor, der stimmlich und durch
tolle Personenregie ganz stark zum für mich gelungenen Abend beiträgt! Ein
grosses Lob an den Chorleiter: hier war die Musik auf den Punkt, die Diktion
eine exzellente, die Personen-/Gruppenregie besonders gelungen!
Das
erste Auftreten von Gilda wird durch die Ankündigung, dass sie krankheitshalber
nur spielen könne, mit Spannung erwartet. Maria Taytakova, die optisch schlank
und blond der Gilda wirklich schön entspricht, spielt mit so viel berührender
Intensität, dass es einem im Herzen weh tut, sie nicht singen zu hören. Wie sie,
blind vor Liebe sich über die Bühne tastet: auch dies eine sehr berührende Idee
des Regisseurs.
Es
sind dies genau die kleinen Gesten und „kleinen“ Einfälle des Regisseurs, Csaba
Nemedi, die die Aufführug kostbar machen: das „All-inklusive-Band“, das zum
vollwertigen Mitglied der Gesellschaft des Duca macht (und das sich Gilda zu
gegebener Zeit auch vom Arme reisst!), die gelangweilte Hofgesellschaft (während
des Herzog´s stretta – na gut, er nimmt sich halt wieder mal eine Frau; was geht
es uns an?), das Zusammenziehen Monterones und Sparafuciles auf einen Signor
MALEDIZIONE, die Darstellung einer Signora Destino – Gräfin Ceprano, Page und
die Dienerin (aber doch Kupplerin) Giovanna – das macht das Drama doch sehr
lebendig! Grosses Lob gebührt der Personenregie beim kleinen Chor der Höflinge:
für mich waren dies die packendsten Szenen.
„Rigoletto“ als sehr persönliche und intime Tragödie darzustellen ist nachvollziehbar und falls der Regisseur diese Absicht hatte, ist sie bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen!
„Rigoletto“ als sehr persönliche und intime Tragödie darzustellen ist nachvollziehbar und falls der Regisseur diese Absicht hatte, ist sie bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen!
Zum
Musikalischen:
gleich in der ersten Szene gab es einige Schwierigkeiten, was die Tempi betraf – doch legte sich das sehr schnell wieder und ich führe es auf die schwierige Situation zurück, dass der Dirigent mit dem Rücken zu den Sängern stand. Noch einmal: ein grosses Lob für den Dirigenten, dem es gelungen ist, die Partitur auf ein Mini-Orchester zusammenzustutzen, ohne dass uns Verdi verloren ging! Bravo! Wie gesagt, ist meiner Meinung nach das Piano überflüssig- manchmal war es für mich störend.
gleich in der ersten Szene gab es einige Schwierigkeiten, was die Tempi betraf – doch legte sich das sehr schnell wieder und ich führe es auf die schwierige Situation zurück, dass der Dirigent mit dem Rücken zu den Sängern stand. Noch einmal: ein grosses Lob für den Dirigenten, dem es gelungen ist, die Partitur auf ein Mini-Orchester zusammenzustutzen, ohne dass uns Verdi verloren ging! Bravo! Wie gesagt, ist meiner Meinung nach das Piano überflüssig- manchmal war es für mich störend.
Hooman
Khalatbari hatte sein Orchester in festem Griff – sein funkelndes Auge nach
einem bösen Streicher-Patzer sprach Bände, hatte aber durchaus Charme. Es war
ein Dirigat, das die Sänger unterstützte: eine seltene Angelegenheit
heutzutage!! Dies möchte ich doch sehr wohl erwähnen!
Nicht
genug Lob kann ich für den Chor aussprechen: nicht nur, dass die Chorszenen die
packendsten waren (dies ist wohl eher Verdienst des sensiblen Regisseurs Csaba
Nemedi), hier war Textverständlichkeit einfach gross geschrieben. Grosses Lob
deswegen auch an den Chorleiter!
Mit
der Verpflichtung des Baritons Jan Durco hat die Festspielleitung einen Sänger
gewonnen, der zwar zwischendurch an die Grenzen gestossen ist (nicht positiv
bewerte ich das Singen einiger Phrasen als Vokalisen) ,der aber in seiner
Darstellung als verfluchter und liebender Vater von Szene zu Szene wächst und
glaubwürdig uns jenen Schmerz vermittelt, der in der Schluss-Szene seinen
tragischen Höhepunkt findet. Besonders packend war die Szene mit den Höflingen
(„Cortiggiani, vil razza dannata“).
Eine
kleine Enttäuschung war für mich der Herzog, Gergely Boncer, der zwar vermutlich
über ein adäquates Material verfügt, aber seine Rolle von A-Z durchgebrüllt hat.
So sehr ich bewundert habe, wie der Regisseur den Herzog in die Nebenrolle, die
er eigentlich ist, gesetzt hat, so sehr enttäuschte es mich, dass der Tenor jede
Arie, das Duett und das Quartett mit der selben vokalen Vehemenz von sich gab.
Keine Frage, Herr Boncer traf meist seine Töne – aber der Herzog hat ja doch
auch seine lyrischen, zärtlichen Töne (etwa als Verführer im Duett oder bei
„Parmi veder le lagrime“)- die waren leider nicht vorhanden. Was ich hingegen
lobend erwähnen möchte ist seine Bühnenpräsenz, denn als schlank-gutaussehender
Tenor war er als Duca zumindest optisch wohl für viele ein Genuss.
Highlight
des Abends waren für mich hingegen die Damen: ganz schön Jaroslava Pepper als
sehr schlanke Maddalena, die dem berühmten Quartett zu schönem Ton verhalf und
einfach wirklich grandios die beiden Gildas. Dass es Olga Taytakova aufgrund
ihrer Krankheit versagt war zu singen, war sicherlich nicht angenehm. Sie hat
überaus berührend und sehr engagiert stumm gespielt und mich mehrere Male fast
zu Tränengerührt.
Highlight war für mich allerdings die 26jährige ungarische Sängerin der Gilda Zita Szemere! Sie sang die unglückliche Protagonistin für mich einfach ganz perfekt: ich hörte schon, dass Olga Taytakova die „dunklere“ und dramatischere Stimme habe; diese Gilda hat aber das Mädchen, dann auch die (trotzdem ihr Gewalt angetan wurde!) verliebte, ja, liebende Frau stimmlich grandios verkörpert. Dass die junge Sängerin die ganze Zeit vom Orchester aus SITZEND ihre Partie bewältigt hat (und ich weiss aus eigener Erfahrung, wie sich singen im Sitzen anfühlt) lässt mich ganz tief den Hut ziehen vor dieser Leistung. Irgendwie hat es diese junge Sängerin geschafft, dass „Rigoletto“ zu „Gilda“ wurde; für mich war dieses Drama der sich selbst opfernden liebenden Frau berührend genug, einen wunderbaren Abend zu erleben.
Highlight war für mich allerdings die 26jährige ungarische Sängerin der Gilda Zita Szemere! Sie sang die unglückliche Protagonistin für mich einfach ganz perfekt: ich hörte schon, dass Olga Taytakova die „dunklere“ und dramatischere Stimme habe; diese Gilda hat aber das Mädchen, dann auch die (trotzdem ihr Gewalt angetan wurde!) verliebte, ja, liebende Frau stimmlich grandios verkörpert. Dass die junge Sängerin die ganze Zeit vom Orchester aus SITZEND ihre Partie bewältigt hat (und ich weiss aus eigener Erfahrung, wie sich singen im Sitzen anfühlt) lässt mich ganz tief den Hut ziehen vor dieser Leistung. Irgendwie hat es diese junge Sängerin geschafft, dass „Rigoletto“ zu „Gilda“ wurde; für mich war dieses Drama der sich selbst opfernden liebenden Frau berührend genug, einen wunderbaren Abend zu erleben.
Fazit:
in diesem räumlich beschränkten Rahmen einen Rigoletto aufzuführen: dafür kann
ich nur dem Regieteam und der musikalischen Leitung ein Lob
aussprechen.
Kirchstetten lohnt sich! Ich freue mich sehr auf die Produktion des kommenden Jahres.
Kirchstetten lohnt sich! Ich freue mich sehr auf die Produktion des kommenden Jahres.
© Quelle: Mag. Alexandra Zumoberhaus / Hintermayer MUSIK
„Le
donne di Giovanni“ oder „Les jeux sont (pas) faits“
Ein Bericht zur Don
Giovanni-Aufführung vom 16. 8.2014 beim Klassikfestival Schloss Kirchstetten
Dies
ist keine Rezension, wie man sie von Kritikern kennt – da müsste ich mich ja
kurz fassen. Dies ist ein Erfahrungsbericht nach einem beglückenden
Opernabend!
Oper
im Schloss Kirchstetten bedeutet mancherlei: es ist eines der kleinen, feinen
Sommerfestivals, derer es so viele in Niederösterreich gibt. Die Anfahrt von
Wien aus ist ein Vergnügen für die Beifahrerin, denn die Gegend ist halt
herrlich; schönes Weinviertel. Wir fahren unter mehreren Wolkenbrüchen durch und
ich sehe den grössten und schönsten Regenbogen meines Lebens. Was für ein
Auftakt! Kirchstetten heisst auch, dass man früh genug vor Ort sein sollte, denn
der Schloss-Heurige ist mehr als empfehlenswert und wir gehen ganz gut gestärkt
zur Oper. Es ist eine Opernaufführung im herrlichen Maulpertsch-Saal des
Schlosses. 160 Leute finden in hier Platz und ja: es ist Oper hautnah, es ist
das kleinste Opernhaus Österreichs, wo es schon einmal vorkommt, dass ein Sänger
plötzlich neben einem steht und man ins Geschehen gesogen wird, aus dem es kein
Entrinnen gibt. Doch der Reihe nach.
Hier wird grosse Oper für eine kleine Bühne adaptiert. In der Tat gibt es hier gar keine Bühne, sondern ein Podest, heuer in Form eines sehr lang gezogenen U. Dies und sicher auch das nicht sehr grosse Budget dieses empfehlenswerten Festivals sorgen auch dafür, dass ohne klassisches Bühnenbild gearbeitet werden muss. Keine Kulissen. Hier zählt der Sänger, einige Requisiten und ein geniales Konzept des Regisseurs, das dafür sorgt, die Oper fühlbar zu machen. Hier wird ein Gesamtkunstwerk an einem Abend erschaffen, denn das Thema des Abends wird auf dem Weg in den Saal erlebbar: auf den wie immer mit Kerzenlicht erleuchteten Treppenstufen sind Spielkarten verstreut. Wir kommen auch an mehreren Spieltischen vorbei und den Sängern wird doch auch viel Arbeit abverlangt, wenn sie wie Donna Elvira schon in Kostüm und Maske so lange vor dem Auftritt an einem Tisch sitzen und Karten legen. Und immer schön „unnahbar und unansprechbar“ sein…. Hier muss ein Regisseur die Musik kennen, das libretto verstehen, von Gesang etwas verstehen. Hier kann nur so gearbeitet werden, dass die Quintessenz des Werkes erarbeitet und sichtbar gemacht wird.
Hier wird grosse Oper für eine kleine Bühne adaptiert. In der Tat gibt es hier gar keine Bühne, sondern ein Podest, heuer in Form eines sehr lang gezogenen U. Dies und sicher auch das nicht sehr grosse Budget dieses empfehlenswerten Festivals sorgen auch dafür, dass ohne klassisches Bühnenbild gearbeitet werden muss. Keine Kulissen. Hier zählt der Sänger, einige Requisiten und ein geniales Konzept des Regisseurs, das dafür sorgt, die Oper fühlbar zu machen. Hier wird ein Gesamtkunstwerk an einem Abend erschaffen, denn das Thema des Abends wird auf dem Weg in den Saal erlebbar: auf den wie immer mit Kerzenlicht erleuchteten Treppenstufen sind Spielkarten verstreut. Wir kommen auch an mehreren Spieltischen vorbei und den Sängern wird doch auch viel Arbeit abverlangt, wenn sie wie Donna Elvira schon in Kostüm und Maske so lange vor dem Auftritt an einem Tisch sitzen und Karten legen. Und immer schön „unnahbar und unansprechbar“ sein…. Hier muss ein Regisseur die Musik kennen, das libretto verstehen, von Gesang etwas verstehen. Hier kann nur so gearbeitet werden, dass die Quintessenz des Werkes erarbeitet und sichtbar gemacht wird.
Wieder
gelingt dies dem Regisseur Csaba Némedi in ganz vortrefflicher Weise. Es wird
schnell klar, dass sich hier jemand mit dem Werk umfassend und liebevoll
auseinandergesetzt hat und das Resultat kann sich wahrlich sehen lassen. Zum
ersten Mal erlebe ich einen „Giovanni“, der wirklich das dramma giocoso ist, als
das Mozart und sein librettist da Ponte es geschaffen haben. Es IST eine
Tragikkomödie, denn sowohl das Drama, als auch die burlesken Szenen sind fein
und Gänsehaut-erzeugend herausgearbeitet.
Die
Requisiten sind wie immer wenige, aber aussagekräftig: Hier findet ein Spiel
statt. Ein Spiel zwischen heiter und tragisch. Ein Spiel eines Puppenspielers,
Don Giovanni, der scheinbar seine Opfer wie Marionetten steuert. Oder vielleicht
auch umgekehrt? Werden die Opfer das Spiel aufnehmen und mitspielen? Es
vielleicht wenden? Némedi lässt mit überdimensionalen Spielkarten Wände und
Mauern errichten, die die Unmöglichkeit, Gebäude auf das Bühnenpodest zu
stellen, gut ersetzt. Spielwürfel dienen als Sitzgelegenheit, als Tische, als
Wurfgeschosse, ja auch als „Waffe“, um Leporello, der nach seinem getarnten
Techtelmechtel mit Elvira auffliegt, einzumauern. Da wird mit diesen wenigen
Requisiten gespielt, dass es eine Freude ist! Die Spielkarten – ja, die
Spielkarten sind nicht ohne. Denn die drei Königinnen/Damen sind durchaus auch
noch ein bisschen aufgehübscht worden mit floralem Design. Da meine ich einen
Frühling, einen Sommer und einen Herbst zu erkennen. Die drei Frauencharaktere?
Haben wir hier eine Vergangenheit; Donna Elvira, die vergangen und (über)reif
ist? Eine Donna Anna, eine Gegenwart in voller Pracht? Eine Zerlina in zarter
Blüte, zukünftiges Vergnügen?
Was
ist es mit diesen drei Frauen? Lassen sie mit sich spielen oder spielen SIE am
Ende gar?
Ja,
es ist wahr: so sehr Giovanni mit den Frauen spielt, so sehr übernehmen auch sie
das Spiel und wenn zum Schluss die drei Frauen – begleitet von der Stimme des
unsichtbaren Komturs – Giovanni am Marionettenband seinem Ende zuführen, so wird
klar, wer hier dann letztlich doch das Rad am Laufen hält. Es sind die Frauen.
Es sind auch die Frauen, die die Farbtupfer in dieser Aufführung sind: Elvira in
patiniertem Gold beim ersten Auftritt und dann in leuchtenden Blautönen, die der
Sängerin mit ihren blonden Haaren unwahrscheinlich schmeicheln und trotzdem ganz
dramatisch wirken. Zerlina mit einem Hochzeitskleid in crème, das mehr als sexy
ist und anschliessend im crèmefarbenen Spitzenkleid, in dem sie dermassen
knackig wirkt, dass vermutlich viele Zuschauer gern Giovanni wären. Anna
hingegen in Rottönen und hier ist für mich ein ganz dramatischer, spannender und
gelungener Aspekt von Némedi und seiner begabten Kostümbildnerin, Gianpiera
Bühlmann, sichtbar: beim ersten Auftritt noch im zartrosa Negligé, wird das Rot
für die nächsten Auftritte kräftiger, bis Anna zum Schluss ihre Rache vollendet
und wie Blut und Feuer und Leidenschaft wirkt! Toll! Die Herren hingegen sind
offenbar nicht wirklich die „Herren der Schöpfung“. Ein bisschen fad sind sie,
diese tollen Hechte, die Bestimmer, Macher, Macker und Machos: Weiss, écru,
crème sind ihre Farben und die Herren sind austauschbar, man kann sie leicht
verwechseln; Leporello und Giovanni müssen sich bei ihrem Rollentausch nicht so
anstrengen. Ein bisschen fad sind sie und sie brauchen offensichtlich einen
bunten Gegenpart, eben diese Frauen in Farbe…Einzig Giovanni darf im ersten
Auftritt, passend zum nächtlichen Überfall schwarz gewandet sein, und für den
Mittelteil einen sehr schönen (wenn auch wieder hellen), schimmernden Anzug
tragen mit lindgrünem Hemd, das den dunklen Haaren des Sängers sehr
schmeichelt.
Es
sind die kleinen, feinen herausgearbeiteten Details, die mich an Némedi’s Arbeit
immer wieder faszinieren. Seine Personenregie ist grosse Klasse! Da wird
gespielt in jeder Sekunde, da ist Drama und Komödie. Kein Augenlick fadesse –
Spannung und Vergnügen in absolut jeder Sekunde! Dem Regisseur ist es gelungen,
die Sänger zum Spielen zu bringen, auch wenn sie NICHT singen. Und zwei ganz
besonders, haben das hinreissend umgesetzt!!
Womit
wir bei den Sängern und bei der Musik wären…
Mehr als uneingeschränktes Lob für Hooman Khalatbari und sein Mini-Orchester! 2 Fagotte, 1 Klarinette, 1 Oboe, 1 Querflöte, 1 Cello, 1 Bass, 1 Klavier, 2 Violinen und 1 Viola, wenn mich nichts täuscht. Auf jeden Fall hat Maestro Khalatbari die Partitur wieder auf ein elfköpfiges Ensemble gearbeitet. Ganz grossartig!! Bravo Bravo! Und was für ein Orchester! Junge Musiker, die offenbar Meister ihres Fachs sind. Die musikalische Leistung des Orchesters ist nicht genug zu loben! Und einen Sonderpunkt für den elegantesten Auftritt des Maestros am Pult (chapeau für den Geschmack in der Kleiderwahl!!!), der im Übrigen HINTER dem Bühnenpodest und den Sängern steht! Und hier hat man gehört, wie grossartig geprobt wurde! Kompliment.
Mehr als uneingeschränktes Lob für Hooman Khalatbari und sein Mini-Orchester! 2 Fagotte, 1 Klarinette, 1 Oboe, 1 Querflöte, 1 Cello, 1 Bass, 1 Klavier, 2 Violinen und 1 Viola, wenn mich nichts täuscht. Auf jeden Fall hat Maestro Khalatbari die Partitur wieder auf ein elfköpfiges Ensemble gearbeitet. Ganz grossartig!! Bravo Bravo! Und was für ein Orchester! Junge Musiker, die offenbar Meister ihres Fachs sind. Die musikalische Leistung des Orchesters ist nicht genug zu loben! Und einen Sonderpunkt für den elegantesten Auftritt des Maestros am Pult (chapeau für den Geschmack in der Kleiderwahl!!!), der im Übrigen HINTER dem Bühnenpodest und den Sängern steht! Und hier hat man gehört, wie grossartig geprobt wurde! Kompliment.
Und
somit sind wir bei der Musik gelandet und bei den Sängern.
Uneingeschränktes und grosses Lob gibt es von mir für die drei Damen. Alexandra Vogrin sang eine bewegende Elvira, glaubhaft in jedem Moment, mit schön geführtem und sicherem Sopran. Und sie spielte in der Schluss-Szene so bewegend, dass ich dreimal schlucken musste. Donna Anna wurde von Rodica Vica gesungen, die über einen strahlenden Sopran verfügt und ihre Einzelarien zu einem Höhepunkt des Abends für mich werden liess. Bravourös. Bitte mehr davon. Wir dürfen gespannt die Karriere dieser Sängerin verfolgen. Auch sie spielte absolut hinreissend (Danke an den Regisseur!): ihr letzter Auftritt als personifizierte Rache! Dieser stolze Blick, die Haltung,– das war Gänsehaut pur!
Absolut gespannt war ich auf die junge Sopranistin Lenka Pavlovič, die relativ kurzfristig einspringen musste/durfte. Und ich wurde nicht enttäuscht: die sehr junge Sängerin bringt eine wunderschöne Stimme, gepaart mit sehr guter Technik und dermassen grosser Spielfreude und mit so grossem Talent auf die Bühne! Eine Freude für Ohr und Auge. Dass die junge Sängerin auch noch mit Schönheit gesegnet ist – da kann sie nichts dafür. Aber der Rolle hat es nicht geschadet. Und wenn ich in einer Kritik gelesen habe „entzückende, naive Zerlina“: diese Zerlina war alles andere als naiv; die hatte es faustdick hinter den Ohren – ganz grandios; sowohl die Arbeit des Regisseurs an der Rolle als auch die Umsetzung durch die Sängerin.
Uneingeschränktes und grosses Lob gibt es von mir für die drei Damen. Alexandra Vogrin sang eine bewegende Elvira, glaubhaft in jedem Moment, mit schön geführtem und sicherem Sopran. Und sie spielte in der Schluss-Szene so bewegend, dass ich dreimal schlucken musste. Donna Anna wurde von Rodica Vica gesungen, die über einen strahlenden Sopran verfügt und ihre Einzelarien zu einem Höhepunkt des Abends für mich werden liess. Bravourös. Bitte mehr davon. Wir dürfen gespannt die Karriere dieser Sängerin verfolgen. Auch sie spielte absolut hinreissend (Danke an den Regisseur!): ihr letzter Auftritt als personifizierte Rache! Dieser stolze Blick, die Haltung,– das war Gänsehaut pur!
Absolut gespannt war ich auf die junge Sopranistin Lenka Pavlovič, die relativ kurzfristig einspringen musste/durfte. Und ich wurde nicht enttäuscht: die sehr junge Sängerin bringt eine wunderschöne Stimme, gepaart mit sehr guter Technik und dermassen grosser Spielfreude und mit so grossem Talent auf die Bühne! Eine Freude für Ohr und Auge. Dass die junge Sängerin auch noch mit Schönheit gesegnet ist – da kann sie nichts dafür. Aber der Rolle hat es nicht geschadet. Und wenn ich in einer Kritik gelesen habe „entzückende, naive Zerlina“: diese Zerlina war alles andere als naiv; die hatte es faustdick hinter den Ohren – ganz grandios; sowohl die Arbeit des Regisseurs an der Rolle als auch die Umsetzung durch die Sängerin.
Etwas
durchwachsener schaut es bei mir bei den Herren aus.
Ungeteiltes Lob kann ich nur Masetto/Comtur, Dobrea Gelu aussprechen. Gesanglich war er ohne Fehl und Tadel – im Gegenteil hat er den Masetto wunderbar gesungen- und er hat gespielt. Und wie er gespielt hat! Jede Sekunde, die er auf der Bühne sein musste, war er in der Rolle, im Stück. Ganz ganz toll. Wie sein Gesicht dahingeschmolzen ist während seine Zerlina „Vedrai carino“ sang – das war vom Feinsten. Hoffentlich haben das andere auch gesehen. Manchmal liegt im Kleinen was ganz Grosses und „Nebenrollen“ so schön zu besetzen ist ein gutes Zeichen für die künstlerische Leitung dieser Produktion.
Ungeteiltes Lob kann ich nur Masetto/Comtur, Dobrea Gelu aussprechen. Gesanglich war er ohne Fehl und Tadel – im Gegenteil hat er den Masetto wunderbar gesungen- und er hat gespielt. Und wie er gespielt hat! Jede Sekunde, die er auf der Bühne sein musste, war er in der Rolle, im Stück. Ganz ganz toll. Wie sein Gesicht dahingeschmolzen ist während seine Zerlina „Vedrai carino“ sang – das war vom Feinsten. Hoffentlich haben das andere auch gesehen. Manchmal liegt im Kleinen was ganz Grosses und „Nebenrollen“ so schön zu besetzen ist ein gutes Zeichen für die künstlerische Leitung dieser Produktion.
Ähnlich
verhält es sich beim Leporello des polnischen Basses Leszek Solarski. Grandioses
Spiel und gerechtfertigter Publikumsliebling. Némedi sei Dank, dass er seinen
Leporello nicht wie den Salzburger Leporello heuer als idiotischen Volltrottel
durch die Szenen stolpern lässt. Leporello IST kein Trottel. Der schaut schon
auf sich und er durchschaut so manches. Feinst gespielt, bis ins Detail
entsprechender Mimik. Stimmlich denke ich, dass da noch mehr geht. Meiner
Meinung nach sollte Solarski an seinen italienischen „a“ und „o“ arbeiten. Dann
bekommt der Ton grad nochmals einen anderen Klang. Ansonsten tadellos.
Erfreulich natürlich auch, einen wirklich schönen Leporello, gross und schlank,
mit langen Haaren auf der Bühne zu erleben. Die Verwechslungsszene wurde dadurch
schon viel glaubhafter!
Der
ecuadorianische Tenor Xavier Rivadeneira verfügt ganz zweifellos über ein sehr
schönes Material. Wenn mich meine Ohren nicht getäuscht haben ist er ein lirico
spinto. Und genau da hatte ich meine Einwände: in den Ensembles war das spinto
genial, in seiner Arie war mir das lirico zu wenig. Auf jeden Fall eine sehr
solide und schöne Leistung.
Die
grösste Kritik geht von meiner Seite an den österreichischen Bariton Thomas
Weinhappel, der einzige schon ziemlich bekannte der Sänger des Ensembles.
Natürlich bringt Weinhappel in dieser Rolle unglaubliche optische Vorzüge auf
die Bühne: gross und schlank und für viele Damen sicher fesch anzuschauen. Aber
so ganz warm geworden, so ganz verführt hat mich dieser Giovanni nicht. Da war
für mich viel statisches Spiel (zwei Gesichtsausdrücke), da fehlte mir der
manchmal in der Partitur verlangte schmelzende, schokoladige, zärtliche Ton. Das
war alles gleich laut (und manches zu laut) und manchmal wurde mir dann ein
deutlich hörbares Vibrato nicht zum Genuss. Aber es war in dem jungen
Sängerensemble durchaus eine gute Leistung, wie ich überhaupt an dieser Stelle
sagen muss, dass die Ensemble-Stellen ganz unwahrscheinlich gut musiziert
waren!!! Da waren alle gleich gut, unterstützt von einem tollen kleinen
Orchester unter einem Dirigenten, der mehrmals um die eigene Achse rotiert ist,
um ja auch alle Sänger zu erreichen. Köstlich!
Thomas Weinhappel interessiert mich aber. In welche Richtung wird er sich entwickeln? Der Kavaliersbariton braucht noch Schmelz und Zartheit…man darf sehr gespannt die Karriere dieses begabten österreichischen Baritons verfolgen. Wenn er mich auch nicht überzeugt hat, die Leistung eines ganzen Abends auf der Bühne und die gute Leistung in den Ensembles haben mich schon versöhnt.
Thomas Weinhappel interessiert mich aber. In welche Richtung wird er sich entwickeln? Der Kavaliersbariton braucht noch Schmelz und Zartheit…man darf sehr gespannt die Karriere dieses begabten österreichischen Baritons verfolgen. Wenn er mich auch nicht überzeugt hat, die Leistung eines ganzen Abends auf der Bühne und die gute Leistung in den Ensembles haben mich schon versöhnt.
Was
wäre noch zu sagen? Ich stelle fest, dass ich viel geschrieben habe. Zu viel für
die Leser. Aber ich sagte ja: dies ist keine Rezension, dies ist ein Bericht.
Stellen Sie sich vor, liebe Leser, ich fasse das jetzt in eine Rezension
zusammen. Und dann überlegen Sie sich, wem ich da wirklich gerecht werde.
Worüber schreibe ich dann? So, wie in der durchschnittlichen Rezi zwei Drittel
über ein abstruses und oft genug hässliches und dummes Regiekonzept? Zwei Zeilen
über den Medien-Superstar? Und vielleicht nichts über einen Sänger, der toll
war? (Ich habe zum Bsp. den Ferrando im Salzburger Trovatore grandios gefunden –
keiner schrieb über ihn…). Dies ist einfach der Bericht meiner Eindrücke einer
ganz wunderbaren „modernen“ – musikalisch hochklassigen Giovanni-Aufführung, die
ich gestern erlebt habe. Ein wirklich durchdachtes Regiekonzept und so schliesst
sich der Kreis:
wer spielt mit wem? Wer hat das Spiel gewonnen? Gab es einen Gewinner? Tutto nel mondo è burla…. nach dem Schluss-Ensemble gehen wir nämlich hinaus und siehe da: an den Spieltischen sitzen die Sänger…das Spiel geht weiter, immer weiter. Aber die Frauen, die werden das Spiel sicher nicht verlieren. Nicht solange die Hingabe der Elvira, die Leidenschaft der Anna und die verschmitzte, durchtriebene Zärtlichkeit der Zerlina irgend eine Bedeutung haben.
wer spielt mit wem? Wer hat das Spiel gewonnen? Gab es einen Gewinner? Tutto nel mondo è burla…. nach dem Schluss-Ensemble gehen wir nämlich hinaus und siehe da: an den Spieltischen sitzen die Sänger…das Spiel geht weiter, immer weiter. Aber die Frauen, die werden das Spiel sicher nicht verlieren. Nicht solange die Hingabe der Elvira, die Leidenschaft der Anna und die verschmitzte, durchtriebene Zärtlichkeit der Zerlina irgend eine Bedeutung haben.
KIRCHSTETTEN
SIEHT MICH WIEDER! KIRCHSTETTEN IST EINE REISE WERT! MEHR ALS
EINE!
Sonntag, 31. August 2014
„La Traviata“ am Rhein Main Theater Niedernhausen am 30.08.2014
von Stefan Simon
Montag, 23. Juni 2014
Ein hochinteressantes Interview mit Altmeister Otto Schenk!
http://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article129329714/Wagners-Werk-hat-mich-verfuehrt.html
http://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article129329714/Wagners-Werk-hat-mich-verfuehrt.html
Freitag, 13. Juni 2014
Richard Wagner Festival Wels 2014
Heuer feierte das Richard Wagner Festival in Wels sein 25-jähriges Bestehen. Das aus privater Initiative hervorgegangene Festival mauserte sich
seit seinem Bestehen von konzertanten Aufführungen der Werke Richard Wagners zu
szenischen Produktionen und wurde zum Magnet für Wagnerfreunde aus der ganzen
Welt. „Werktreue und künstlerische Qualität“ war und ist das Motto des Festivals, welches sich dieses Jahr in vier ausverkauften Vorstellungen die Wiederaufnahmen
von „Der fliegende Holländer“ und „Lohengrin“ zeigte.
Wagners Gespensteroper „Der fliegende Holländer“ wurde von Herbert Adler
als solche ernst genommen und umgesetzt. Konsequent erscheint die Figur des
Holländers als Geist, was durch sensible Lichtführung dem Betrachter stets vor
Augen geführt wird. Diese Auffassung stellt den Sänger vor eine besondere
Herausforderung, gilt es doch, die seelische Qual der Rolle und die Beziehung zu
Senta heraus zu arbeiten. Wolfgang Brendel löste dies, in dem er seine
Baritonpartie mit einem fast lyrischen Ansatz anlegte und so einen Gegensatz
zwischen äußerer Erscheinung und Stimme erzeugte. Selten hat man das Duett „Wie
aus der Ferne...“ mit solch atemloser Spannung verfolgen können. Astrid Webers
dramatischer Sopran ist in solch lyrischen Stellen am überzeugendsten; in den
Höhen neigte sie an diesem Abend zu etwas zu schrillen Tönen, die ihr allerdings
durch ihre Gesamtmeisterung der Partie, vor allem ist hier die Ballade zu
erwähnen, leicht verziehen wurden.
Reinhard Hagens Daland hätte schwerlich besser dargeboten werden können.
„Mögst du, mein Kind,...“ gehörte zu den Höhepunkten dieses Abends. Herbert
Adler durchbrach die Eindimensionalität des Charakters am Ende der Oper nach
Sentas Tod, als dieser sich tröstend dem verzweifelten Erik zuwendet, so dass
die Figur des gierigen Seemanns hinter die des gebrochenen Vaters zurück treten
konnte.
Clemens Bieber ist ein Erik, auf den sich das Publikum freut. Die von Wagner
bewußt blass angelegte Figur, die oft als Störfaktor mit hohlem Schöngesang
wahrgenommen wird, kommt hier zu Glanz und Ehre. Ein echter lyrischer Tenor, der
es versteht, auch dieser Partie Leben einzuhauchen.
Im Besonderen ist Christian Sturm als Steuermann zu erwähnen. Der junge
Tenor ist ein gern gesehener Gast des Festivals und dem Publikum auch aus dem
„Tristan“ in guter Erinnerung. „Mit Gewitter und Sturm...“ ist der „Aufmacher“
der Oper, aber oft schnell vergessen, wenn der 3. Akt zu Ende ist. Herbert Adler
nahm sich insbesondere dieser Rolle an und sorgte mit vielen schönen Details
dafür, dass der Steuermann präsent blieb und bis zum Ende seinen Platz auf der
Szene hatte. Ein liebenswertes Charakteristikum für Wels, dass man sich junger
Sänger besonders annimmt.
Der Tschechische Philharmonische Chor Brünn unter der Leitung von Jan
Ocetec brachte die in der Oper enthaltenen Evergreens mit großer Sicherheit und
Wortverständlichkeit über die Rampe, wie man es selten erlebt. Selbst wenn der
ganze Chor in Bewegung war, kratzte dies nicht an der Einheitlichkeit des
Klanges, wie es manchmal zu beklagen ist.
Wels-Veteran Ralf Weikert sorgte mit den Brünner Philharmonikern für den
original wagnerschen „Gespensterklang“. Im relativ kleinen Welser Stadtheater
gelingt es Weikert immer wieder, das Orchester so zu führen, dass die
Singstimmen im Vordergrund bleiben und dennoch die Stellen, die die volle Wucht
des Orchesters erfordern, zu ihrem Recht kommen. Weikert feilte sehr an den
leisen Stellen und zeigt hier einen fast kammermusikalischen Ansatz. Man konnte
bei ihm Instrumente hören, die man ansonsten noch nie wahrgenommen hat.
Das Publikum dankte den Mitwirkenden mit endlosem Applaus und zahlreichen
Bravo-Rufen.
Zum zweiten Mal stand in diesem Jahr „Lohengrin“ auf dem Programm. Wagners
romantische Oper wird hier vollständig in diesem Sinne inszeniert. Hierbei ist
anzumerken, dass Wels durchaus nicht als "Ausstattungstheater" bezeichnet werden
kann. Das erste Bild besteht aus einem gebauten Kreis in der Bühnenmitte, dem
Sitz König Heinrichs und einer Rampe dem Hintergrund dazu.
Der Bühnenhintergrund
wird von einer Rückprojektionswand begrenzt. Mit diesen Mitteln versteht es der
Lichtzauberer Herbert Adler jede benötigte Atmosphäre so unmerklich und fließend
zu erzeugen, dass man denken möchte, erheblich mehr auf der Bühne gesehen zu
haben, als tatsächlich da war. Im Ganzen bleibt der „Lohengrin“ innerhalb dieser
Schlichtheit. Während im Holländer aufwändige Animationen im Hintergrund zum
Einsatz kamen; Sturm und Wellen, die beeindruckende Manifestation des
Gespensterschiffes und die Erscheinung der Geistermannschaft, muß man erwähnen, dass es bei Lohengrin bei einer ruhigen blauen Wasserfläche im Hintergrund bleibt.
Chor und Sänger stehen im wahrsten Sinne des Wortes im Mittelpunkt.
Der Heerrufer des Königs Thomas Berau, dessen Rolle schwerer zu singen ist,
als man annehmen möchte, meisterte die Partie, welche manchmal nicht das
gebührende Publikumsinteresse zu erwecken vermag, in einer Weise, die ihm viele
begeisterte Äußerungen des Publikums einbrachte.
Reinhard Hagen wird nicht nur als König Heinrich Herr der zwei Chöre,
sondern auch mit seiner Stimme. An dieser Stelle kann gleich erwähnt werden,
dass insbesondere die Chor- und Ensemblestellen in dieser Aufführung
außerordentlich gelungen sind. Beispielhaft sei hier „Mein Herr und Gott,...“
erwähnt. Man hört diesen Part selten so exakt ausgeführt, es sei denn, auf einer
Aufnahme. Hier gelang wirklich ein Klangzauber.
Petra Maria Schnitzers Elsa ist am stärksten in den lyrischen Stellen; ihre
Stimme verleiht der Rolle die notwendige, überirdische Strahlkraft, die ihre
Verbindung zur Gralswelt Lohengrins glaubhaft macht. Hin und wieder in den Höhen
nicht völlig sicher an diesem Abend, überzeugte sie ihr Publikum dennoch
vollständig.
Die Schwanenerscheinung ist ein beliebter Diskussions- wenn nicht gar
Streitpunkt. Im modernen Regietheater als uninszenierbarer Kitsch abgetan, wird
häufig übersehen, dass es hier um die Darstellung eines Wunders geht, das von
den einen als solches akzeptiert wird, um von der Politikerin Ortrud zum
Zauberwerk umgedeutet zu werden. Es ist dieser Konflikt, der vor allem in Elsa
ausgetragen wird, um schließlich zum Verhängnis zu werden.
Herbert Adler läßt im Hintergrund Nebelschwaden über dem Wasser
zusammenziehen, die dann zu einer stilisierten Schwanenerscheinung verschmelzen.
Dies gelang so beeindruckend, dass man erstaunte Reaktionen aus dem Publikum
wahrnehmen konnte. Dies geschieht derzeit selten.
Jon Kettilson ist ein ordentlicher, wenn auch kein strahlender Lohengrin.
Stimmlich wirkte er insbesondere im ersten und zweiten Akt etwas zu steif,
steigerte sich aber in der Brautgemachszene und natürlich für „In fernem
Land...“, das man an diesem Abend ausgezeichnet zu hören bekam. Leider
verzichtet auch diese Inszenierung nicht auf eine Strich im 3. Akt ab „O Elsa!
Was hast du mir angetan?“ bis „Der Schwan! Der Schwan!“. Leider, weil diese
Stelle explizit enthält, dass Lohengrin Elsa wirklich liebt, die ihn aber als
höheres Wesen anbetet. Sie enthält somit eine nicht unerhebliche Aussage des
Werkes und trüge zu einer weitergehenden „Vermenschlichung“ Lohengrins bei, die
dem Charakter nicht gut genug tun kann, da Lohengrin häufig als blass und
unnahbar empfunden wird. Diesem Strich fällt auch Lohengrins Prophezeihung „Nach
Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer
zieh'n!“ zum Opfer. Dies mag als politisch korrekt und entschärfend wirken, aber
man sollte immer bedenken, dass dies eine Projektion unserer Erfahrung ist, die
zur Entstehungszeit des Werkes nicht gegeben war. Darüber hinaus ist man bei
Wagners Werken immer gut beraten, äußere von innerer Handlung zu
unterscheiden.
Ein Teil dieser inneren Handlung ist die Unfähigkeit, das Spirituelle als
solches zu akzeptieren und die Tendenz der Profanierung dessen. Eine
Problematik, die heute erheblich näher an unserer Haut ist, als dies zu Wagners
Zeit der Fall gewesen sein mag. In gewisser Hinsicht ist die Unmöglichkeit oder Verweigerung einer traditionellen Inszenierung des Stückes in vielen Aufführungen ein
Symptom für den im „Lohengrin“ beschriebenen Konflikt zwischen
materialistisch/nihilistischer Weltsicht und Spiritualität in unserer
Zeit.
Ein weitere interessanter Aspekt ist das Werk als Vier-Personen-Stück:
Lohengrin und Elsa sowie Ortrud und Telramund.
Publikumslieblinge waren Lioba Brau als Ortrud und Clemens Unterreiner als
Telramund. Selten hat man eine so wortverständliche und souveräne Ortrud, die
darüber hinaus noch in der Lage ist, diesen Charakter als die „politische Frau“
oder auch den personifizierten Zweifel darzustellen. Man traut ihr ohne weiteres
zu, Telramund in der gezeigten Weise von sich abhängig gemacht zu haben. Am
Rande sei hier erwähnt, wie klug die Kräfteverhältnisse innerhalb dieses Paares
von Wagner komponiert worden sind.
Sein Rollendebüt hatte in diesem Jahr Clemens Unterreiner als Telramund.
Trotz dieses Heimspiels ist es nicht leicht, vor dem Welser Publikum zu bestehen,
zumal Unterreiner dem Publikum durch seinen Wolfram im „Tannhäuser“ des
Vorjahres einen sehr positiven Eindruck hinterlassen hatte. Damals war schon zu
vernehmen, dass man von diesem Bariton noch einiges erwarte.
Diese Erwartungen wurden ohne weiteres erfüllt. Telramund ist durchaus
nicht immer für das Publikum als der Betrogene erkennbar, doch ist er ein
Charakter, der an den Wertvorstellungen seiner Zeit hängt und Ortruds Lügen
glaubt, was ihn letztlich zu Grunde richtet. Ortrud verachtet die Welt, in der
sie lebt. Oberflächlich betrachtet, erscheint sie als rückwärtsgewandt, doch bei
genauerem Hinsehen repräsentiert sie die Moderne. Materialistisch und zynisch.
Telramund existiert zwar auch durch weltliche Werte wie Ruhm und Ehre und passt
insofern zu seiner Frau, doch ihr Materialismus reicht weit über den seinen
hinaus.
Lioba Braun und Clemens Unterreiner gelingt es, dieses Spannungsverhältnis
auf die Bühne zu bringen, womit ein Gutteil des Stückes steht und fällt. Das
Publikum dankte es den Sängern durch viele Bravo Rufe, natürlich wurde
Unterreiner besonders gefeiert. Trotz der allgemeinen Begeisterung sollte
kritisch angemerkt werden, dass er unter dem Druck des Rollendebüts dazu
tendierte, schauspielerisch an manchen Stellen etwas zu viel zu tun, was
aufgrund seiner stimmlichen Möglichkeiten als durchaus unnötig erschien. Dies
sei einem jungen Sänger aber verziehen.
Die Slowakischen Philharmoniker sorgten unter der Leitung von Ralf Weikert
für den nötigen Wagnersound. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass man den
„Lohengrin“ schwerlich besser hören kann. Hierfür sorgte, man sollte nicht
vergessen, dass es sich auch um eine Choroper handelt, auch der Chor der
Slowakischen Philharmonie, der unter der Leitung von Jozef Chabron alle Klippen
der Partitur meisterte.
Wer nach solchen Aufführungen mit vom Applaus schmerzenden Händen das
Theater am Abend verläßt, freut sich bereits auf das nächste Jahr, wenn in Wels
„Tannhäuser“ und „Tristan und Isolde“ gegeben werden.
Stefan Simon
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