Montag, 20. Juni 2016
Inszenierung 6, setzen - miserable Neuproduktion der Puritani aus Homokis Komödienstadl, vormals Opernhaus Zürich am 19.6.2016
Ich
bin immer noch fassungslos über die Aufführung, die ich gestern Abend am
Opernhaus Zürich über mich ergehen lassen musste. Es gibt Aufführungen mit sehr
guten Sängern aber einer schlechten Inszenierung, wo man am Ende sagen kann: "Ok, das war trotz allem ein Sieg der Musik." Nicht so in Zürich. Denn dort hat
ein unfähiger und unmusikalischer Regisseur und Intendant derart "ganze Arbeit"
geleistet, dass ein wunderbares Solistenquartett völlig an den Rand gedrängt
wurde. Dass das Opernhaus Zürich seit dem Amtsantritt von Andreas Homoki als
Intendant sehr tief gefallen ist, ist kein Geheimnis mehr. Insofern reiht sich
diese Puritani-Premiere nahtlos in die Regietheater-Flops der letzten Jahre
ein, und kam auch nicht wirklich überraschend. Als düsteres Kriegsstück in
historischen Kostümen wolle er Bellinis 1835 in Paris uraufgeführtes Werk
inszenieren, tönte Herr Homoki neunmalklug im Programmheft. Was herausgekommen
ist, ist altabgedroschenes, platt-plumpes Regietheater, todlangweilig und
unmusikalisch mit einem geänderten, dumm-dreisten Ende, welches Vincenzo Bellini
und seine Musik völlig pervertierte. Oper von Prolls für Prolls eben. Aber nun mal
der Reihe nach. Bühnenbildner Henrik Ahr ( der in München bereits die Lucrezia
Borgia verbrochen hatte) hatte eine dauer-rotierende runde Scheune aus
Holzlatten auf die Bühne gestellt, die sich öffnen und auch mal heben konnte.
Abgesehen von akustischen Problemen durch fehlende Deckelung, sah die
Konstruktion billig, lieblos und völlig austauschbar aus, was durch die Stühle
im Inneren verstärkt wurde. Die Bühne war so verbaut, dass im Grunde nur
Rampensingen möglich war. Ab und an wurde das ganze - ach wie originell- durch
ein paar erhängte Frauen, die vom Schnürboden herabbaumelten, und Leichenhaufen
ergänzt. Selbst wenn nichts passierte und die Sänger "nur" an der Rampe standen,
nervte die immer rotierende Drehbühne. Die angekündigten historischen Kostüme
von Barbara Drohsin waren allesamt schmuddelig-schwarz und hässlich, alles
wirkte wie aus einer Geisterbahn. Vielleicht hätte man sie für die Mannschaft
des fliegenden Holländer akzeptieren können, für Bellinis Puritani waren sie
jedoch fehl am Platz. Gleich in der ersten Szene beginnt Homoki mit dem
Holzhammer. Das katholische Stuart-Königspaar in schmuddelig-elisabethanischer
Robe wird im Eingangschor gefangen genommen und gefoltert, danach wird König
Charles auf offener Bühne geköpft und Enrichettchen darf mit dem abgehauenen
Kopf spielen, bevor sie von Soldaten vergewaltigt wird. Man weiß nicht, ob man
lachen oder weinen soll. Der Chor wird von Homoki nonstop hyperaktiv geführt.
Man schüttelt den Kopf über prollig schunkelnde Chordamen und Brautjungfern oder
deren Hin- und Hergeschleppe von Kerzen. Die Personenführung war im wesentlichen
auf das viel gescholtene Rampensingen beschränkt und todlangweilig . Wie
beliebig wirkte der Schlüsselmoment, als Arturo die Königin erkannte und beschloss
sie zu retten.... In Jonathan Millers mustergültiger Münchner
Puritani-Inszenierung aus dem Jahr 2000 war dieser Augenblick ein
Gänsehautmoment, als Arturo vor Enrichetta seinen Hut abnahm und, von Ehrfurcht
überwältigt, auf die Knie sank! Natürlich ließ Homoki die Sänger ihre Arien
nicht ungestört vortragen. Während diese an der Rampe sangen, musste in
bester schulmeisterlicher Regietheater-Tradition im Hintergrund irgendeine
Parallelhandlung abgespult werden, so als ob man dem "dummen Publikum" gar
nichts mehr zutraut. Wenn die Musik auf diese Weise gestört wurde, schien Homoki
zufrieden. Am Ende eines ermüdenden Abends wollte dieser dann es scheinbar dem
Publikum nochmal so richtig zeigen. Bei der von Sir Giorgio verkündeten
Generalamnestie wurde Arturo, wie zu Beginn König Charles, auf offener Bühne
geköpft und der Kopf der munter weiter singenden Elvira zum Spielen überlassen.
Sie sah aus wie Salome, die in das falsche Stück gebeamt wurde....Einfach nur
zum Kotzen! Povero Bellini! Schade um die guten und hochtalentierten Sänger.
Die 31-jährige Pretty Yende als Elvira hätte nämlich das Potential, sich in die
Reihe ganz großer Rollenvorgängerinnen einzureihen. Man bedauerte, dass dieses
Rollendebut derart von der Regie-Willkür des Herrn Homoki überschattet wurde.
Ihre glockenhelle, aber dennoch warm timbrierte Stimme, traumhafte
Kolaraturen, wunderbare Farben und ihre jugendliche Naivität wirkten
hinreißend! Wie sie in der Wiederholung des "Vien diletto" Bellinis Musik mit
herrlichen Trillern und wunderbaren Verzierungen ausschmückte, das war ganz
große Klasse. Lawrence Brownlee als Arturo stand dem um nichts nach. Bis zum
dem verstümmelten Ende der Oper setzte er sich darstellerisch von allen Sängern
noch am besten gegen Homokis Schwachsinn durch und sang einen vom ersten Ton
mitreißenden Lord Arturo Talbo. Das herrliche Timbre, die bewegenden, mit
Leichtigkeit gesungenen Spitzentöne bis zum hohen F ließen die Rolle zu einem
wahren Erlebnis werden. Sowohl das "Ah te oh cara" als auch die Romanze und
große Klage des dritten Akts waren beredte Zeugnisse ganz großer
Belcanto-Kunst. Da hatten es die anderen Männer schwer, aber machten ihre Sache
bisweilen sehr ordentlich. Georges Peteans Timbre ist rau und hart, jedoch
zeigte er in seiner Arie, dass er in der Lage ist, wunderbar gefühlvolle Phrasen
zu singen und im Duett mit Sir Giorgio mächtig aufzutrumpfen. Dieser war mit
Michele Pertusi sehr ordentlich besetzt, auch wenn ich mir von seinem
kultivierten Bass etwas mehr "Balsam" gewünscht hätte. Erwähnt werden soll auch
Opernhaus-Urgestein Liliana Niketeanu als Königin Enrichetta, die ihrem Auftritt
stimmlich die nötige Würde verlieh. Der Chor war von Pablo Assante -von einigen
Wacklern abgesehen- ordentlich einstudiert worden, litt aber an der ständigen
durch die Regie verordnete Unruhe und Nervosität. Sie wirkten fast, als
litten die Soldaten alle an ADHS. Der Generalmusikdirektor Fabio Luisi
dirigierte aufgeblasen und selbstgefällig, der harte Orchesterklang entbehrte
jedoch an Substanz und der für Belcanto-Opern so wichtigen Sensitivität. Am Ende
gab es viel Jubel für die Sänger und mitunter heftige Buhs für die Regie, welche
von den Zuschauern neben mir Zustimmung erhielten. Bei dem sich verbeugenden
Regieteam fiel auf, dass die Kostüm-Bärbel im dunklen Zuschauerraum eine
Sonnenbrille trug, welche symbolisch für die Blindheit der Regietheater-Mafia
stehen könnte. Beim Verlassen der Oper Zürich dachte ich traurig an die bereits
erwähnte mustergültige Münchner Inszenierung, welche Belcanto Belcanto sein
ließ und das Auge mit kostbaren Bildern verwöhnte, die den
Rembrandt-Gemälden der Münchner alten Pinakothek nachempfunden waren. Damals
führte die Gruberova auf dem Zenit ihrer Karriere das wunderbare
Solistenquartett an, am Pult ließ der zu früh verstorbene Marcello Viotti mit
sensiblen Klängen die Puritani zum Erlebnis werden. Eine Erinnerung von der man
in der derzeitigen kaputten Opernwelt nur noch träumen kann.
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Bellini,
Pablo ASsante; Andreas Homoki; Fabio Luisi; Zürich,
Pretty Yende; Lawrence Brownlee; George Petean; Michele Pertusi; Liliana Niketeanu,
Puritani
Donnerstag, 26. Mai 2016
Großartige "Roméo et Juliette" in Tel Aviv am 29. April 2016
Anlässlich
des 400. Todesjahres von William Shakespeare setzte die Israeli Opera in Tel
Aviv in diesem Frühjahr mit Gounods Roméo et Juliette und Verdis Macbeth gleich
zwei Opern auf ihren Spielplan, die auf Werken des großen englischen Dramatikers
beruhen. Bei meinem Israel-Aufenthalt Ende April hatte ich Gelegenheit, eine
Aufführung von Roméo et Juliette zu besuchen und kam in den Genuss einer
außergewöhnlichen Vorstellung. Als Regisseur hatte die Israeli Opera den
Intendanten der Monte Carlo Opera, Jean-Louis Grinda, engagiert, welcher der Tel
Aviver Oper bereits seit vielen Jahren eng verbunden ist. Grinda vertraute bei
seiner einfühlsamen Regiearbeit ganz auf die Musik Charles Gounods und
erreichte mit sparsam eingesetzten Mitteln eine maximale Wirkung. Das Ergebnis
war ein äußerst berührender Opernabend, der von Anfang an zu fesseln vermochte
und der von einer keinen Augenblick nachlassenden Spannung beherrscht wurde.
Bühnenbildner Eric Chevalier hat dem Regisseur dazu eine einfache, leicht
schräge, von Säulen umrandete Spielfläche gebaut, die jedoch mit Hilfe von
liebevoll gemalten Hintergrundprospekten wandlungsfähig blieb. Sie
vermittelten gleichermaßen die bis heute erhaltene, von rivalisierenden
Adelsgeschlechtern geprägte bedrohliche Atmosphäre des mittelalterlichen
Veronas, als auch die von Gounod insbesondere in den Liebesszenen
heraufbeschworene Romantik. So sorgten die fast realitätsgetreu gemalte Veroneser
Piazza dei Signori und der Mondaufgang über den gemalten Zypressen von Juliettes
Garten im zweiten Akt für unvergessliche Momente. Carola Volles steuerte
wunderschön ausgearbeitete Kostüme im Stil der italienischen Frührenaissance
bei und betonte gerade dadurch die Zeitlosigkeit und Universalität der
tragischen Geschichte des wohl berühmtesten Liebespaares der Welt. Dieser
wunderbare optische Rahmen mit seiner intelligenten Personenregie ermöglichte
es den Sängern am besuchten Abend zu musikalischen Höchstleistungen zu finden.
Mit dem usbekischen Tenor Nagmiddin Marlyanov hatte man einen Sänger
verpflichtet, der ganz in der Partie des Roméo aufging. Mit seinem schlank
geführten, angenehmen Tenor wurde er sowohl den lyrischen, viel Schmelz
erfordernden Passagen, als auch den dramatisch-heldischen Momenten seiner Rolle
gerecht. Großen Applaus erhielten sein gefühlvoll vorgetragenes "Ah lève-toi,
soleil" sowie der mühelos erreichte Spitzenton bei "Je veux la revoir" am
Ende des dritten Aktes. Ideal harmonierte Marlyanov mit der Juliette der jungen
Israelin Hila Baggio, die mit klarem, silbrig-timbrierten Sopran und makellosen
Koloraturen bereits bei "Je veux vivre" begeisterte und deren Interpretation von
"Amour, ranime mon courage" zutiefst erschütterte. In den drei Duetten fand das
unglückliche Liebespaar zu einer sich kontinuierlich steigernden Intensität, die
einer bewegenden Schlussszene kulminierte. Die zahlreichen kleineren Partien
hatte die Israeli Opera alle aus ihrem eigenen Ensemble hervorragend besetzt.
Na'ama Goldmann als Roméos Page Stephano begeisterte mit einem köstlich
gesungenen Spottlied vor dem Hause der feindlichen Capulets, ebenso wie Anat
Czarny als Juliettes Amme Getrude. Herausragend präsentierten sich insbesondere
in der Kampfszene des 3. Aktes auch Oded Reich als Mercutio und Yosef Aridan als
Tybald. Mit balsamischem Bass gab Yuri Kissin einen empathisch-gütigen Frère
Laurent und stellte damit einen Gegenpol zu dem autoritär agierenden Capulet von
Noah Brieger dar. Als Herzog von Verona komplettierte Vladimir Braun das
hochkarätige Sängerensemble. Der von Ethan Schmeisser einstudierte Chor
präsentierte sich musikalisch und darstellerisch in Bestform, was insbesondere
den von Roberto Venturi meisterhaft choreographierten Kampfszenen zugute kam. Am
Pult des Israeli Symphony Orchestra Rishon LeZion dirigierte Francesco Cilluffo
stets sängerfreundlich und abwechslungsreich, wobei die zarten Streicher- und
Harfenklänge zu Beginn des zweiten Aktes besonders gefühlvoll ausgekostet
wurden. Wenn man an diesem wunderbaren Abend etwas aussetzen könnte, dann am
ehesten, dass man sich entschieden hatte, die den vierten Akt beschließende
Hochzeitsszene mit dem Zusammenbruch Juliettes zu streichen. Dies hinterließ eine dramaturgisch etwas ungünstige Lücke vor dem Schlussbild und ließ den
vierten Akt zu abrupt enden. Das Publikum zeigte sich am Ende der Vorstellung
hellauf begeistert und spendete langanhaltenden rhythmischen Applaus für alle
Beteiligten. Insgesamt hat die Israeli Opera mit dieser Produktion eindrucksvoll
unter Beweis gestellt, zu welch herausragendem Niveau sie auch abseits ihrer
spektakulären Opernfestivals fähig ist. Bei Tel Aviv-Reisen ist deshalb auch ein
Besuch in der Israeli Opera für Opernfreunde sehr lohnenswert, auch wenn man
diese Stadt zunächst nicht unbedingt mit ihrem Opernhaus in Verbindung bringen
mag!
Donnerstag, 28. Januar 2016
Glanzvoller Rigoletto an der Mailänder Scala (24.01.2016)
Die erste Wiederaufnahme der laufenden Spielzeit 2015/16 widmete
die Mailänder Scala Giuseppe Verdis Dauerbrenner Rigoletto in einer mehr als
vielversprechenden Besetzung. Das musikalische Interesse richtete sich dabei vor
allem auf Leo Nucci in der Titelrolle, der einmal mehr in eine seiner legendären
Glanzpartien schlüpfte und die Rolle des buckligen Hofnarren mit einer
atemberaubenden Intensität ausstattete, wie ich es selten erlebt habe. Nucci
begann den Abend noch ein wenig zurückhaltend, fand jedoch schnell zu
stimmlicher und darstellerischer Bestform, die kaum einen kalt ließ. Wie dieser
Rigoletto spottete, klagte, weinte und dem Publikum Einblick in seine zutiefst
zerrissene Seele gewährte, das war einfach phänomenal. Dabei beeindruckte der
Sänger einmal mehr durch seine ausgezeichnete Technik, welche fast vergessen
machte, dass sich der große Sänger im fortgeschrittenen Stadium seiner Karriere
befindet und die einst so frische Stimme leicht spröde geworden ist. So gerieten
Rigolettos Cortigiani-Arie und das folgende Duett mit Gilda zu einem
wahren Höhepunkt. Dazu trug auch die junge Nadine Sierra bei, die mit ihrem
glockenhellen Sopran nicht nur ein wunderbares "Caro Nome" sang sondern
auch in dem den zweiten Akt beschließendem Rache-Duett "si Vendetta" zu einer
dermaßen mitreißenden Fulminanz gelangte, dass dieses vor
dem Vorhang zu Beginn der zweiten Pause wiederholt werden musste. Nicht
mithalten mit diesem hohen Niveau konnte Vittorio Grigolo als Duca: ein paar
schöne Spitzentöne bei La Donna è Mobile konnten nicht darüber
hinwegtäuschen, dass dieser Sänger an einem ersten Haus wie der Scala im Grunde
nichts verloren hat: sein meckerndes Timbre, das mich an ein Spielzeug aus
meiner Kindheit erinnerte, bei dem man ziehen musste und dann eine Stimme auf
Italienisch sagte: "La Pecora fa Beeeeee", sowie sein
undifferenziertes Dauerforte ließen bereits bei "Questa o Quella"
Schlimmstes für den weiteren Abend befürchten, was leider auch so eingelöst
wurde. Grigolos Auftreten, das an einen eitlen aufgeblasenen Pfau erinnerte,
trug im Übrigen zu meiner Antipathie gegen diesen Sänger bei und wird der Rolle auch nicht gerecht. Ein wunderbares
mörderisches Geschwisterpaar waren Carlo Colombara als Sparafucile und Annalisa
Stroppa als herrlich sinnliche Maddalena. Giovanni Furlanetto dagegen
verschenkte seine beiden Auftritte als Monterone. Da klang vieles zu
leichtgewichtig, um die Bedeutung dieser Szenen zu verdeutlichen. Sehr schön
hatte Nicola Luisotti das Orchester einstudiert, bei dem die einzelnen
Instrumenten-Gruppen wunderbar herausgearbeitet waren, der Chor war von Bruno Casoni
bestens präpariert. Die Scala hatte für diese Serie ihre altbewährte
Rigoletto-Inszenierung von 1994 durch Gilbert Deflo wiederaufgenommen. Dieser
schreibt im Programmheft, dass er einzig dem Werk dienen wolle - was auf
wunderbar unaufgeregte Weise passiert. Alles ergibt sich aus der Musik - der
Sänger steht im Mittelpunkt des Geschehens. Ezio Frigerios große Bühnenräume sind
wunderschön anzusehen, bewegen sich zwischen Realismus und angedeuteter
Abstraktion und entführen einen in die Zeit der italienischen Renaissance, in der das Stück spielt. Auch das Gewitter des dritten Aktes wird mit Regen, Blitz
und Donner meisterhaft umgesetzt, allerdings hätte ich auf den Kunstrasen in
diesem Akt gerne verzichtet. Ein wahres Fest für die Augen sind Franca
Squarciapinos opulente, historisch korrekte Kostüme. Auch wenn die Inszenierung in einigen Details
nicht die Perfektion eines Franco Zeffirelli erreicht, bietet diese wohl letzte
richtige Rigoletto-Inszenierung der Welt alles, was es für einen gelungenen
Opernabend braucht. "Che bella serata" meinte neben mir eine Dame beim Verlassen der Scala begeistert. Dem möchte ich gerne beipflichten. Der ungetrübte Jubel am Ende
richtete sich dabei nicht nur an die Sänger, sondern vor allem an Giuseppe
Verdi, dessen Ehre in düsteren Regietheater-Zeiten wieder rehabilitiert
wurde.
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Giovanni Furlanetto; Gilbert Deflo; Bruno Casono; Nicola Luisotti; Ezio Frigerio,
Leo Nucci; Rigoletto; Scala; Milano,
Vittorio Grigolo; Nadine Sierra; Carlo Colombara; Annalisa Stroppa
Mittwoch, 6. Januar 2016
Fantastische La bohème an der Münchner
Staatsoper
Die ausverkaufte Bayerische Staatsoper bot am gestrigen Tag wieder einmal eine Aufführung, die dem guten Ruf dieses Hauses alle Ehre machte, was man bei vielen der letzten Produktionen eher nicht hatte feststellen können.
Asher Fisch dirigierte das
gewohnt souverän spielende Staatsorchester gerade anfangs zu
sänger-unsensibel, aber die hervorragende Qualität dieses
Klangkörpers machte es dennoch möglich, Puccinis Meisterwerk auch
orchestral genießen zu können.
Die amerikanische Sopranistin Kristin Lewis gestaltete die tragische Rolle der Mimì sowohl stimmlich als auch darstellerisch sehr ansprechend; ihr eher dunkler, voller Sopran kam besonders im dritten Akt zur Geltung und „Donde lieta uscì“ gelang ihr sehr anrührend und dramatisch, ohne übertrieben sentimental zu wirken. Eine bescheidene, liebenswürdige Näherin, deren ganze Freude die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings sind und die Rodolfos Herz im Sturm erobert – genau dies konnte Lewis mit ihrer bewusst zurückhaltenden, aber sehr durchdachten Interpretation vermitteln. Der üppige Schlussapplaus würdigte ihre Leistung völlig zu Recht.
Die Musette der Kanadierin Joyce El-Khoury geriet ebenfalls zu einem wunderbaren Rollenbild der launischen, aber betörenden Grisette, nach der sich alle Männer verzehren, wenn sie nur eine Straße entlang geht. Anfangs etwas schrill (doch zu dem einmaligen Auftritt gut passend), gelang ihr das „Quando m'en vo“ ganz hervorragend. Im Quartett des dritten Aktes hatte sie dann noch einmal Gelegenheit, ihre stimmlichen Fähigkeiten sehr überzeugend zur Geltung zu bringen. Auch darstellerisch beglückte die köstliche Szene mit Marcello, die mit den bekannten, wenig schmeichelhaften Bezeichnungen endet.
Der aus der Ukraine stammende Tenor Dmytru Popov war ein großartiger Rodolfo mit strahlenden Spitzentönen, einer kräftigen Mittellage und einer stilistisch sehr geschmackvoll geführten Stimme, die keine Wünsche offen ließ. Den Wettkampf mit Asher Fischs Staatsorchester konnte er nicht immer für sich entscheiden, aber der Sieg bei einem so ungleichen Kräftemessen ist auch von keinem Sänger zu erwarten. Von vielen, wesentlich bekannteren „Stars“ würde man sich jedenfalls eine solche (auch darstellerisch natürliche und ansprechende) Interpretation wünschen.
Markus Eiche als unglücklich
liebender Marcello, dem die Schönheit und Launenhaftigkeit Musettes
so zu schaffen machen, gestaltete die Rolle mit seinem kräftigen,
wohltimbrierten Bariton hervorragend; ein echter Hörgenuss war das
wunderbare Duett des vierten Aktes, in dem beide Künstler ihren
großen Lieben Mimì und Musette nachtrauern.
Andrea Borghini (Schaunard) und
Goran Joric (Colline) komplettierten das leidenschaftliche
Künstlerensemble ebenfalls sehr überzeugend.
Otto Schenk hat einmal die
Aufgabe des Regisseurs in der ihm eigenen, unnachahmlichen Art und
Weise so beschrieben: „Keinen eigenen Käse machen“. Diesem Motto
folgt seine nun schon seit 1969 an der Bayerischen Staatsoper zu
bewundernde, absolut stimmige Inszenierung, die das Werk – entgegen
heutiger Standardpraxis – nicht verfälscht, nicht verbiegt und
verhöhnt, sondern schlicht und einfach zur Geltung bringt. Ein
perfektes Werk wurde zum Leben erweckt, und zwar ganz ohne diverse
„Verschlimmbesserungen“ diverser Werk-oder Weltverbesserer, als
die sich heutige Regisseure so gern gerieren. Und siehe da – es
funktionierte! Der spontane Applaus beim Aufgehen des Vorhangs im
zweiten und das zusätzliche bewundernde Raunen beim Anblick des
dritten Akt waren beredte Zeugnisse dafür, dass das Publikum
keineswegs so dumm ist, wie es sich viele Regisseure und Intendanten
in ihrer Borniertheit einbilden, andererseits aber auch einen
offensichtlichen Mangel an solchen Inszenierungen zu beklagen hat.
Vor der Kulisse der detailverliebten Bühnenbilder Rudolf Heinrichs,
die übrigens Zitate seiner an der Komischen Oper Berlin unter der
Regie Walter Felsensteins aufgeführten Bohème sind, entfaltet sich
die Kunst einer äußerst gelungenen, aber nie aufdringlichen oder
unpassenden Personenregie. Ganz besonders war dies in den
Massenszenen im zweiten Akt zu spüren. Das bunte Gewusel des
Quartier Latin und mittendrin das tragikkomische Geschehen um
Musette, Marcello und Alcindoro, die melancholische Stimmung der
Barriere Enfer, der Gegensatz zwischen den anrührenden
Liebesschwüren Mimìs und Rodolfos und dem eifersüchtigen Gezänk
zwischen Musette und Marcello, die nahezu kindliche Ausgelassenheit
der vier Künstler, die außer einem Hering zwar nichts zu beißen,
aber dennoch genug Fantasie für übermütige Rollenspiele haben und
der abrupte Einbruch des Todes in diese Ausgelassenheit - genau
dies ist es, was in der Musik Puccinis zum Ausdruck kommt und so
visualisiert werden sollte.
Und genau dies ist Otto Schenk
gelungen.
Ein großartiger Opernabend, den das Publikum verdientermaßen mit begeistertem Applaus bedachte. So kann es weiter gehen, liebe Bayerische Staatsoper!
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Otto Schenk
Samstag, 12. September 2015
Durchwachsener Freischütz in der
Hamburger Laiszhalle, 12.9.2015
Der Manie, Werke auf Biegen und Brechen
verändern zu müssen, entgeht man heutzutage scheinbar nicht einmal,
wenn man sich in konzertante Aufführungen rettet. Der Freischütz
hat viele Dialoge, und man kann diese in einer konzertanten
Aufführung auch weglassen, aber keinesfalls sollten sie durch
sinnfreie neue Samiel-Texte ersetzt werden, wie man es in der
Hamburger Laiszhalle traurigerweise erleben durfte. Die
verschwurbelten Phantastereien aus der Sicht Samiels (!), die als
Einlage zwischen den Musiknummern fungieren sollten, trugen weder zum
Verständnis noch zur Analyse des romantischen Schauermärchens bei,
sie waren nur eins: unsagbar lästig, vor allem so, wie sie von
Graham F. Valentine vorgetragen wurden. Vielleicht sollte man umso
dankbarer sein, dass der Text der Arien und Ensembles nicht auch noch
umgedichtet worden ist, denn mit dem dürften ja so manche
Minderheiten ihre Problemchen haben – zu un-vegan, zu romantisch,
zu viril, zu christlich, zu unemanzipiert, zu Jagd-verherrlichend,
zu emotional? Wer weiß also, was den respekt-und stilbefreiten
Um-und Neudeutern alles so einfällt, wenn sie alte Werke in
Ermangelung eigener Kreatitvität als willkommene Spielwiese
entdecken?
Über die Qualität des WDR
Rundfunkchors, des NDR-Chors und des NDR-Sinfonieorchesters
müssen nicht viele Worte verloren werden; Volumen, Frische und hohes
Können taten ihr übriges, um den Abend zumindest von dieser Seite
her sehr angenehm zu gestalten, was man allerdings von den recht
merkwürdigen Tempi, die Thomas Hengelbrock verlangte, nicht
sagen kann. Die einzigartige Ouvertüre des Werkes geriet noch
hervorragend und ließ auf mehr hoffen, aber diese Hoffnungen wurden
dann enttäuscht. Aus dem bäuerlichen Ländler im ersten Akt wurde
fast eine Polka, Kaspars Arie – zwar von Dimitry Ivashchenko
hervorragend dargeboten – verlor jegliche dämonische Gewalt und
verkam zu einem fast komisch anmutenden Wettrennen. Nikolai
Schukoff in der Rolle des Max, der seine dramatisches „Nein,
länger trag' ich nicht die Qualen“ stimmlich sehr überzeugend
vortrug, musste dann doch die Qualen des ihn in den Schlusstakten
völlig zudeckenden Orchesters ertragen, was allerdings das Mitleid
verdoppelte – nicht nur mit dem unglücklichen Jägerburschen Max,
sondern auch mit dem um sein Leben singenden Tenor. Vielleicht war
das ja beabsichtigt. Ob die unpassenden Piani im letzten Akt
(„Schwach war ich, jedoch kein Bösewicht“) nun die eigene Wahl
oder Hengelbrocks Idee gewesen sind – sie waren nicht tragfähig,
außerdem auch nicht erforderlich und erschwerten zudem die
Textverständlichkeit, was in der eigentlich mit guter Akustik
ausgestatteten Laiszhalle zu denken gibt.
Im Gegensatz zu den teilweise völlig
überhasteten Tempi standen unsinnige Fermaten und Rubati, welche in
den Arien der Damen den musikalischen Fluss zuweilen arg ins Stocken
brachten. Mit (musikalischer) Romantik hatte das kaum zu tun, eher
mit Chaos und dem Fehlen einer klaren interpretatorischen Linie.
Véronique Gens in der Rolle der
Agathe hat eine sehr klangschöne Stimme und gestaltete ihre beiden
großen Arien differenziert und ansprechend. Allerdings hätte man
sich ein strahlenderes H als Abschluss ihrer ersten Arie gewünscht.
Christina Landshamer in der Rolle des Ännchen ließ
gesanglich keine Wünsche offen, nur auf die zuweilen recht
eigenwilligen Kadenzen hätte gern verzichtet werden können. Auch
von Franz-Josef Selig hätten man sich einen stimmgewaltigeren
Eremiten gewünscht, wenngleich er mit viel Stil und Kultur sang.
Miljenko Turks Fürst Ottokar hatte nicht die baritonale
Fülle, die man sich von dieser Rolle wünscht; das Timbre des
Sängers ist allzu tenoral und passt nicht zu dieser Rolle. Yorck
Felix Speer konnte in der kleinen Rolle des Erbförsters Kuno
dennoch das Potential seines sehr ansprechenden und klangschönen
Basses voll entfalten.
Carl Maria von Webers Meisterwerk, das
den Geist der deutschen Romantik unnachahmlich einfängt, ist durch
seine Musik kaum totzukriegen. Wenn auch nicht wenige Regisseure
dies mit großer Energie auf nahezu allen Bühnen versuchen; im
Konzertsaal sollte es allerdings erst recht von jeglichem
Modernisierungsmüll verschont bleiben.
Donnerstag, 13. August 2015
Beeindruckender Don
Giovanni in Verona
Es ist ja mittlerweile
Brauch, dass die Rezensenten fast zwei Drittel ihrer Kritiken für die
Inszenierung aufwenden, um die neuesten “Errungenschaften” des
Rübenrauschtheaters aka Regietheaters wortreich zu preisen. Dabei
handelt es sich wohl kaum um Inszenierungen, die diese
Aufmerksamkeit auch nur ansatzweise verdienen. Der Veroneser Don
Giovanni in der Inszenierung des Altmeisters Franco Zeffirelli ist
allerdings schon eine Menge Aufmerksamkeit wert. Gerade Don Giovanni,
der bisher so ziemlich alle nur erdenklichen Regie-Scheußlichkeiten
über sich ergehen lassen musste, erhält durch Zeffirelli seine
Würde zurück. Ein großartiges Bühnenbild, das einem barocken
Palast nachempfunden wurde, aber durch verschiebbare Elemente
wandlungsfähig bleibt, bildet die ästhetisch hochwertige Kulisse
und gibt der für die Arena eher weniger tauglichen Oper einen
prächtigen Hintergrund. Obgleich die Oper im 17. Jahrhundert
angesiedelt ist, tut ihr eine Verlegung ins 18.Jahrhundert keinen
Abbruch. Erstens hat dies schon in zahlreichen Produktionen vor
Zeffirelli stattgefunden, zweitens wurden gerade im 18. Jahrhundert als dem Zeitalter der Aufklärung viele Schauspiele aufgeführt, die mittels des Don-Juan-Stoffs Libertinage und Hemmungslosigkeit des Adels
kritisierten. Drittens ist die Oper so – also wie ein zum Leben
erwachtes Genregemälde eines Watteau, Boucher oder Pietro Longhi –
auch überaus Arena-tauglich, was unter den gegebenen Umständen
sicher nicht ganz unwichtig ist. Die Chorszenen sind an Vielfalt,
Farbenreichtum und guter Personenregie kaum zu überbieten; eine
stattliche Anzahl von Statisten tut das Übrige, um das quirlige
Volkstreiben glaubwürdig darzustellen. Ein wenig stört diese
Üppigkeit nur bei der Ankunft Elviras, die Don Giovanni und
Leporello nicht allein findet, sondern aus einer Rokokosänfte mitten
hinein in eine lebhafte Marktatmosphäre steigt. Dadurch verliert die
folgende Szene, in der Masetto und Zerlina von den ausgelassenen
Hochzeitsgästen gefeiert werden, ein wenig an Wirkung. Wohltuend
ruhig sind die solistischen Szenen gestaltet. Zeffirelli verzichtet
bei den musikalisch ohnehin ausreichend anspruchsvollen Arien auf
unnötige “Gymnastik”, wie es heute ja gang und gäbe ist,
sondern nutzt die Arien als Momente des Innehaltens und der Reflexion
der in den Rezitativen vorangebrachten Handlung. Wer das nicht
versteht, bezeichnet so etwas schnell als “Langeweile”, aber dann
ist auch die Frage, ob man mit so einer Haltung nicht vielleicht doch
besser in einen Actionfilm gehen sollte. Die Kostüme von Maurizio
Millenotti sind an Detailgenauigkeit, Schönheit und Erlesenheit
unerreicht; die originalen Contouchen der Damen sowie die
Justeaucorps der Herren scheinen direkt aus einem Modeatelier des
18.Jahrhunderts zu stammen. Sehr treffend sind dann wieder die
Bezugnahmen auf das lokale Kolorit, z.B.bei der Mantilla Donna
Elviras.
Stefano Montanari
dirigierte das souverän spielende Orchester der Arena,
allerdings waren seine Tempi teilweise äußerst fragwürdig,
besonders in der vorletzten Szene, die ja durch die Erscheinung des
Komtur bedrohlich wirken sollte, kam diese Hast gar nicht gut an. Die
wunderbare szenische Gestaltung hätte ein viel getrageneres Tempo
erforderlich gemacht. Langsam ist sie, die zum Leben erwachte Statue
des Komtur, aber ihr Ziel erreicht sie ohnehin, da muss Herr
Monatanari nicht noch nachhelfen. Und – ja, es ist heiß. Ja,
niemand verlangt, dass der Dirigent in Schlips und Kragen erscheint.
Aber Goldkettchen, Lederhose und ein nachthemdähnliches Gewand als
Oberteil? Das muss nun wirklich nicht sein, schon gar nicht in diesem
Rahmen!!
Die Titelrolle verlangt
einen schwarzen, stimmlich gewandten und großvolumigen Bass bzw.Bassbariton.
Sicherlich, die Zeiten von Cesare Siepi und Co sind lange vorbei,
aber Dalibor Jenis gibt der Rolle nicht das, was sie wirklich
verlangt, wenngleich er sie schauspielerisch sehr gut darstellt. Er
singt sie, und er singt sie auch schön, aber Don Giovanni ist weit
mehr als nur “schön”. Leider wirkt er durch seine eher weiche
Stimme viel zu brav, um den Don als den Wüstling darstellen zu
können, der er nun einmal ist.
Von Marco Vinco
alias Leporello, dem wahrhaft gebeutelten Diener Giovannis, kann man
dies noch weniger sagen. Seine Stimme ist für die Arena bei weitem
zu klein, vielfach war er kaum zu hören. Ihm fehlt die
Durchschlagskraft, und wenngleich der Leporello kein Hunding sein muss,
so hat er doch eine große und wichtige Rolle, die ihre stimmliche
Entsprechung sucht.
Lyrische Stimmen sind ja
schön und gut, aber sie sollten bitte auch in ihren Fächern bleiben
und nicht – wie es heute allzu oft vorkommt – in die
dramatischen Rollen schlüpfen. Die Arena ist kein Tonstudio, in dem
man aus einem Lüftchen einen Wirbelsturm produzieren kann.
Saimir Pirgu in der
Rolle des noblen Don Ottavio
war zu Beginn etwas hölzern – sein “Dalla sua pace” geriet
etwas angespannt. In den Szenen mit Donna Anna wurde er lockerer, und
sein “Il mio tesoro” war ein Hochgenuss mit geläufigen
Koloraturen, sehr schönen Piani und müheloser Höhe.
Christian Senn als
bedauernswerter Masetto machte seine Sache gut, war jedoch auch ein
wenig zu lyrisch.
Die Damengarde konnte mit
sehr guten Stimmen aufwarten. Allen voran die unglückliche Elvira
alias Daniela Schillaci füllte ihre Rolle hervorragend aus –
Zorn, Enttäuschung, Traurigkeit, Angst, Mitleid – all das konnte
sie stimmlich und darstellerisch glaubwürdig vermitteln, und das “Mi
tradì quell'alma ingrata” war ein Hochgenuss. Dasselbe gilt für
Ekaterina Bakanova als Donna Anna. Wer so wunderbar flehen
kann, dem bzw. der kann auch kein ungeduldiger Don Ottavio
widerstehen. Nach ihrem “Non mi dir” muss er sich kampflos
geschlagen geben und jegliche seiner Forderungen zurückstellen.
Natalia Roman war
eine spitzbübische Zerlina, und auch sie wusste durch schönen
Gesang und viel Charme ihren aufgebrachten zukünftigen Ehegemahl zu
beruhigen. “Dieser Sirene kann ich nie widerstehen”, gibt er
ehrlich zu, und er wird bestätigt.
Der Commendatore Insung
Sim war zu Beginn der Oper ein wenig verhalten, gelangte aber
dann in der alles entscheidenden Szene zur Bestform. Schade, dass man
seine Stimme durch die überhasteten Tempi des Herrn Maestro nicht
genießen konnte. Verdient hätte sie es, und die szenische
Gestaltung, die mit all den aus den Gräbern entstiegenen Zombies
entfernt an Michael Jacksons “Thriller” erinnert, allemal.
In Verona wurde jedenfalls
bewiesen, dass ein “Kostümschinken” wie es von so manch
Neunmalklugem, der einfach nur zuviel schlechtes Theater gesehen hat und sich deshalb als "intellektuell" bezeichnet, zuweilen verächtlich bezeichnet wird, packend und bereichernd sein
kann. Kunst kommt eben immer noch von Können.
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Verona
Sonntag, 29. März 2015
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Anna Bolena am 24.3.2015 in Zürich
Ich
bezweifle, dass Mario del Monaco jemals den Tenorpart in Anna Bolena gesungen
hat. Ich habe jedoch keinen Zweifel daran, dass er mit seinem Sohnemann
Giancarlo ebenso kurzen Prozess gemacht hätte, wie Henry VIII mit seiner
zweiten Gemahlin Anne Boleyn, wenn er miterlebt hätte, auf welch dämliche bis
unprofessionelle Weise dieser bereits im Jahr 2000 in Zürich Donizettis
Meisterwerk verunstaltet hat. In einem kerkerartigen Einheitsbühnenbild, das im
Übrigen auch im Züricher Roberto Devereux und in der Züricher Maria Stuarda
Verwendung fand, sitzt der Chor in Kostümen der Entstehungszeit und kommentiert
das Geschehen. Was sich furchtbar intellektuell anhört, ist aber in der Realität
nichts anderes, als eine Bankrotterklärung an ein Grundhandwerk, das jeder
Regisseur beherrschen sollte: Chorführung. Aber sei`s drum. Mit dem Bühnenbild
hätte man ja noch leben können. Bis auf den Baum, der wild durch Annas Gemächer
wuchert, waren alle Schauplätze durchaus librettogemäß und atmosphärisch, ja
opulent eingerichtet. Was jedoch die Produktion völlig ins Lächerliche zog,
waren die stilistisch völlig beliebigen, durcheinander gewürfelten Kostüme, die
einer Oper mit klarem historischen Hintergrund, wie es Anna Bolena nun mal ist,
jegliche Glaubwürdigkeit nahmen. Henry VIII war einer der interessantesten
Monarchen, die je in Europa herrschten und kein Mafiaboss, der mit Spazierstock
wedelnd und mit Sonnenbrille auf die Jagd geht. Auch Jane Seymour sah in ihrem
roten Kostüm einfach nur lächerlich aus: so mag die Rosalinde aus der Fledermaus
aussehen, wenn sie die Feste des Prinzen Orlofski beehrt, aber nicht die Hofdame
der Anne Boleyn, ihr purpurner (Hochzeits-) Mantel wirkte wie Eisensteins
Bademantel aus selbiger Operette. Der Hofstaat entsprang eher einem Kaiserin
Sissi-Film und hatte mit der Bolena so viel zu tun wie Astrologie mir
Astronomie. Und die Königin? Sie trug ein sehr schönes, aber völlig unpassendes
Phantasiekostüm. Aus welcher Epoche sie hinzugebeamt wurde, blieb völlig offen.
Nur Klein-Liesbett, die Tochter von Henry und Anne, durfte so auftreten wie man
sie kennt: Im roten Renaissance-Kostüm mit Halskrause und roter Perücke. Warum
das Kind jedoch ständig wie ein Geist durch die Szenerie tigern und die mit dem
König knutschende Giovanna sogar mit dem abgerissen Kopf ihre Puppe bewerfen
musste, blieb offen und wirkte bei der sonst eher schauspielerisch
zurückhaltenden Produktion einfach nur peinlich.
Warum man aber dennoch in diese Züricher Vorstellung
ging, war das Engagement von Anna Netrebko, die nach ihrem Rollendebut in Wien,
die Anna Bolena einige Jahre hatte ruhen lassen und viel an ihrer
Interpretation gefeilt hat. Die Stimme besitzt einerseits die nötige Zartheit,
aber gleichwohl auch Höhe und Robustheit, die diese Partie erfordert. Mit
wunderbaren Piani, zartenHöhen und perfekten Koloraturen nahm die Primadonna von
Anfang an für sich gefangen. Da verzieh man ihr gerne, dass die große Sängerin
auf jeden Spitzenschlusston am Ende der Oper verzichtete, der beim Verlassen des
Opernhauses sonst häufig noch im Kopf der Besucher nachhallt. Musikalischer
Höhepunkt der Oper war so zweifellos das berührende große Duett zwischen Anna
und ihrer Rivalin Giovanna, die in der jungen Veronica Simeoni eine fast
ebenbürtige Partnerin fand. Simeoni hat einen eher hellen, angenehmen Mezzo, der
wunderbar mit dem dunkel-timbrierten Sopran der Netrebko harmonierte. Luca
Pisaroni hat einen wunderschönen Bass, der stimmlich keine Wünsche offenliess.
Um dem eiskalten Machtmensch Enrico ein glaubwürdiges Profil zu verleihen,
wirkte der Sänger aber über weite Strecken zu jung. Wie sehr hätte man sich
gerade diesen Sänger in einem angemessen Kostüm gewünscht. Judith Schmidt
überzeugte als Page Smeton mit schlankem Mezzo auf ganzer Linie, während Ismail
Jordis Tenor trotz eher dünnem Material mit viel Leidenschaft und schöner Höhe
Annas Jugendliebe Lord Percy Charakter verlieh. Das Sängerensemble wurde von
Ruben Drole als Lord Rocheford und Yujoong Kim als Sir Hervey auf hohem Niveau abgerundet. Während
der meist in Logen auf der Bühne verbannte Chor von Jürg Hämmerli hervorragend
einstudiert war, schlampte das sich mittlerweile aufgeblasen „Philharmonia“
betitelnde Opernhausorchester bereits in der Ouvertüre ganz gewaltig. Dirigent
Andrei Yurkevych gelang es – möglichweise vom „Kostümmix“ inspiriert – an diesem
Abend nur schwer, zu einer einheitlichen Linie zu finden. Schade, dass
Donizettis kunstvolle Instrumentation so vieles von ihrer Wirkung schuldig
blieb. Nun denn, sei`s drum. Nach dem völlig austauschbaren Spielplan, den
Zürich am Tag nach meinem Besuch veröffentlichte, wird es sicher lange dauern,
bis ich da wieder in die Oper gehe.
Opera head
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Mittwoch, 21. Januar 2015
Gestern
habe ich London die Premiere von Umberto Giordanos leider viel zu
selten gespieltem Andrea Ché nier besucht. Dieses Werk gehört für mich zu
den bewegendsten Opern überhaupt, da ist alles dabei was einen zu
fesseln vermag. Liebe, Eifersucht, Gewalt, Verrat, aber auch Loyalität
und Menschlichkeit - und das vor historischem Hintergrund der
französischen Revolution, einer der spannendsten Epochen der
Geschichte. David McVicar bringt all das eins zu eins nach dem Libretto
auf die Bühne und lässt Giordanos mitreissende Musik für sich sprechen.
Robert Jones hat dafür klassizistische Wände nach historischen
Architekturstudien gebaut, die in unterschiedlichen Formationen
angeordnet, detailliert die unterschiedlichen Schauplätze abbilden: das
Schloss des ersten Akts in seiner dekadenten Entrücktheit, ein Café und
Strassenzug für den zweiten, das Revolutionstribunal in
grausam-realistischer Monumentalität für den dritten, sowie hohe
Gefängniswände im vierten Akt. Jenny Tiraminis Kostüme sind ein wahres
Fest für die Augen und könnten einem historischen Gemälde entsprungen
sein. Der Regisseur nutzt diesen Rahmen um dem Werk zu dienen - nicht
mehr und nicht weniger. Genau so soll es meiner Meinung nach sein. Diese
Inszenierung könnte man in ihrer Opulenz, Detailliertheit und
Menschlichkeit durchaus mit Otto Schenk und seiner berühmten Wiener
Inszenierung vergleichen, die nach 30 Jahren immer noch auf dem
Spielplan steht, und man kann hoffen, dass diese McVicar
Inszenierung ebenso lange erhalten bleibt. Schliesslich werden
heutzutage ja viele Neuinszenierungen bereits nach wenigen
Aufführungen entsorgt. Jonas Kaufmann hat mich jedoch in der Titelrolle
nur eingeschränkt überzeugt. Sein Material ist nach wie vor kraftvoll
und schön baritonal eingefärbt. Das ist aber auch alles positive, was
ich über diesen Sänger schreiben kann. Die Stimme klingt abgenutzt,
undifferenziert und scheint dem Dauerforte verpflichtet. Auch die
"kloßige Intonation", die bei Kaufmann schon immer störte, scheint sich
eher zu verschlechtern, zusätzlich bahnen sich neuerdings
Registerbrüche an. Kaufmann ist ein "Allessinger", und das hört man
mittlerweile deutlich. Auch sein Spiel war bei der Premiere kühl und
stocksteif - aber solange ihn seine treu ergebenen Fans in alle
Vorstellungen hinterher reisen und fast militant bejubeln, wird uns
dieser Sänger erhalten bleiben. Aber vielleicht bin ich ja taub. Weshalb
der Abend dennoch musikalisch lohnend war, waren Eva-Maria Westbroek
als Maddalena und Zeljko Lucic als Gérard. Westbroeks üppiger Sopran
nahm mit warmen Bögen von Anfang an gefangen, schöne Höhen und Piani
begeisterten rundum. Erschütternd gestaltete die Sängerin das zentrale
"La Mamma Morta" und dominierte die Bühne im Schlussduett. Lucic singt
den Gérard vielleicht etwas grobschlächtig, aber sein warmer angenehmer
Bariton gewinnt im Laufe des Abends, der Sänger gewinnt im dritten
grosse, fesselnde Intensität, gerade im Zusammenspiel mit Eva-Maria
Westbroek. Von den zahlreichen Nebenrollen müssen vor allem Rosalind
Plowright als Contessa di Coigny, Denise Graves als Bersi und Elena
Zilio als Madelon positiv erwähnt werden, die ihre kurzen Auftritte zu
Ereignissen gestalteten. Nicht dem Niveau des Royal Opera Houses
entsprechend war dagegen der dünnstimmige Carlo Bosi als Incroyable. Der
Chor sang seinen anspruchsvollen Part auf höchstem Niveau und das
Orchester des Royal Opera Houses unter Antonio Pappano spielte rundum
grossartig. Der Dirigent fand stets die richtige Balance zwischen
sängerfreundlich und spannend, ausserdem waren viele Details wunderbar
herausgearbeitet. Am Ende gab es grossen Applaus für die Sänger und das
Regieteam. Gerne würde ich diese Inszenierung noch einmal sehen - dann
allerdings mit einem anderen Titelhelden !
opera head
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