Ein hochinteressantes Interview mit Altmeister Otto Schenk!
http://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article129329714/Wagners-Werk-hat-mich-verfuehrt.html
Montag, 23. Juni 2014
Freitag, 13. Juni 2014
Richard Wagner Festival Wels 2014
Heuer feierte das Richard Wagner Festival in Wels sein 25-jähriges Bestehen. Das aus privater Initiative hervorgegangene Festival mauserte sich
seit seinem Bestehen von konzertanten Aufführungen der Werke Richard Wagners zu
szenischen Produktionen und wurde zum Magnet für Wagnerfreunde aus der ganzen
Welt. „Werktreue und künstlerische Qualität“ war und ist das Motto des Festivals, welches sich dieses Jahr in vier ausverkauften Vorstellungen die Wiederaufnahmen
von „Der fliegende Holländer“ und „Lohengrin“ zeigte.
Wagners Gespensteroper „Der fliegende Holländer“ wurde von Herbert Adler
als solche ernst genommen und umgesetzt. Konsequent erscheint die Figur des
Holländers als Geist, was durch sensible Lichtführung dem Betrachter stets vor
Augen geführt wird. Diese Auffassung stellt den Sänger vor eine besondere
Herausforderung, gilt es doch, die seelische Qual der Rolle und die Beziehung zu
Senta heraus zu arbeiten. Wolfgang Brendel löste dies, in dem er seine
Baritonpartie mit einem fast lyrischen Ansatz anlegte und so einen Gegensatz
zwischen äußerer Erscheinung und Stimme erzeugte. Selten hat man das Duett „Wie
aus der Ferne...“ mit solch atemloser Spannung verfolgen können. Astrid Webers
dramatischer Sopran ist in solch lyrischen Stellen am überzeugendsten; in den
Höhen neigte sie an diesem Abend zu etwas zu schrillen Tönen, die ihr allerdings
durch ihre Gesamtmeisterung der Partie, vor allem ist hier die Ballade zu
erwähnen, leicht verziehen wurden.
Reinhard Hagens Daland hätte schwerlich besser dargeboten werden können.
„Mögst du, mein Kind,...“ gehörte zu den Höhepunkten dieses Abends. Herbert
Adler durchbrach die Eindimensionalität des Charakters am Ende der Oper nach
Sentas Tod, als dieser sich tröstend dem verzweifelten Erik zuwendet, so dass
die Figur des gierigen Seemanns hinter die des gebrochenen Vaters zurück treten
konnte.
Clemens Bieber ist ein Erik, auf den sich das Publikum freut. Die von Wagner
bewußt blass angelegte Figur, die oft als Störfaktor mit hohlem Schöngesang
wahrgenommen wird, kommt hier zu Glanz und Ehre. Ein echter lyrischer Tenor, der
es versteht, auch dieser Partie Leben einzuhauchen.
Im Besonderen ist Christian Sturm als Steuermann zu erwähnen. Der junge
Tenor ist ein gern gesehener Gast des Festivals und dem Publikum auch aus dem
„Tristan“ in guter Erinnerung. „Mit Gewitter und Sturm...“ ist der „Aufmacher“
der Oper, aber oft schnell vergessen, wenn der 3. Akt zu Ende ist. Herbert Adler
nahm sich insbesondere dieser Rolle an und sorgte mit vielen schönen Details
dafür, dass der Steuermann präsent blieb und bis zum Ende seinen Platz auf der
Szene hatte. Ein liebenswertes Charakteristikum für Wels, dass man sich junger
Sänger besonders annimmt.
Der Tschechische Philharmonische Chor Brünn unter der Leitung von Jan
Ocetec brachte die in der Oper enthaltenen Evergreens mit großer Sicherheit und
Wortverständlichkeit über die Rampe, wie man es selten erlebt. Selbst wenn der
ganze Chor in Bewegung war, kratzte dies nicht an der Einheitlichkeit des
Klanges, wie es manchmal zu beklagen ist.
Wels-Veteran Ralf Weikert sorgte mit den Brünner Philharmonikern für den
original wagnerschen „Gespensterklang“. Im relativ kleinen Welser Stadtheater
gelingt es Weikert immer wieder, das Orchester so zu führen, dass die
Singstimmen im Vordergrund bleiben und dennoch die Stellen, die die volle Wucht
des Orchesters erfordern, zu ihrem Recht kommen. Weikert feilte sehr an den
leisen Stellen und zeigt hier einen fast kammermusikalischen Ansatz. Man konnte
bei ihm Instrumente hören, die man ansonsten noch nie wahrgenommen hat.
Das Publikum dankte den Mitwirkenden mit endlosem Applaus und zahlreichen
Bravo-Rufen.
Zum zweiten Mal stand in diesem Jahr „Lohengrin“ auf dem Programm. Wagners
romantische Oper wird hier vollständig in diesem Sinne inszeniert. Hierbei ist
anzumerken, dass Wels durchaus nicht als "Ausstattungstheater" bezeichnet werden
kann. Das erste Bild besteht aus einem gebauten Kreis in der Bühnenmitte, dem
Sitz König Heinrichs und einer Rampe dem Hintergrund dazu.
Der Bühnenhintergrund
wird von einer Rückprojektionswand begrenzt. Mit diesen Mitteln versteht es der
Lichtzauberer Herbert Adler jede benötigte Atmosphäre so unmerklich und fließend
zu erzeugen, dass man denken möchte, erheblich mehr auf der Bühne gesehen zu
haben, als tatsächlich da war. Im Ganzen bleibt der „Lohengrin“ innerhalb dieser
Schlichtheit. Während im Holländer aufwändige Animationen im Hintergrund zum
Einsatz kamen; Sturm und Wellen, die beeindruckende Manifestation des
Gespensterschiffes und die Erscheinung der Geistermannschaft, muß man erwähnen, dass es bei Lohengrin bei einer ruhigen blauen Wasserfläche im Hintergrund bleibt.
Chor und Sänger stehen im wahrsten Sinne des Wortes im Mittelpunkt.
Der Heerrufer des Königs Thomas Berau, dessen Rolle schwerer zu singen ist,
als man annehmen möchte, meisterte die Partie, welche manchmal nicht das
gebührende Publikumsinteresse zu erwecken vermag, in einer Weise, die ihm viele
begeisterte Äußerungen des Publikums einbrachte.
Reinhard Hagen wird nicht nur als König Heinrich Herr der zwei Chöre,
sondern auch mit seiner Stimme. An dieser Stelle kann gleich erwähnt werden,
dass insbesondere die Chor- und Ensemblestellen in dieser Aufführung
außerordentlich gelungen sind. Beispielhaft sei hier „Mein Herr und Gott,...“
erwähnt. Man hört diesen Part selten so exakt ausgeführt, es sei denn, auf einer
Aufnahme. Hier gelang wirklich ein Klangzauber.
Petra Maria Schnitzers Elsa ist am stärksten in den lyrischen Stellen; ihre
Stimme verleiht der Rolle die notwendige, überirdische Strahlkraft, die ihre
Verbindung zur Gralswelt Lohengrins glaubhaft macht. Hin und wieder in den Höhen
nicht völlig sicher an diesem Abend, überzeugte sie ihr Publikum dennoch
vollständig.
Die Schwanenerscheinung ist ein beliebter Diskussions- wenn nicht gar
Streitpunkt. Im modernen Regietheater als uninszenierbarer Kitsch abgetan, wird
häufig übersehen, dass es hier um die Darstellung eines Wunders geht, das von
den einen als solches akzeptiert wird, um von der Politikerin Ortrud zum
Zauberwerk umgedeutet zu werden. Es ist dieser Konflikt, der vor allem in Elsa
ausgetragen wird, um schließlich zum Verhängnis zu werden.
Herbert Adler läßt im Hintergrund Nebelschwaden über dem Wasser
zusammenziehen, die dann zu einer stilisierten Schwanenerscheinung verschmelzen.
Dies gelang so beeindruckend, dass man erstaunte Reaktionen aus dem Publikum
wahrnehmen konnte. Dies geschieht derzeit selten.
Jon Kettilson ist ein ordentlicher, wenn auch kein strahlender Lohengrin.
Stimmlich wirkte er insbesondere im ersten und zweiten Akt etwas zu steif,
steigerte sich aber in der Brautgemachszene und natürlich für „In fernem
Land...“, das man an diesem Abend ausgezeichnet zu hören bekam. Leider
verzichtet auch diese Inszenierung nicht auf eine Strich im 3. Akt ab „O Elsa!
Was hast du mir angetan?“ bis „Der Schwan! Der Schwan!“. Leider, weil diese
Stelle explizit enthält, dass Lohengrin Elsa wirklich liebt, die ihn aber als
höheres Wesen anbetet. Sie enthält somit eine nicht unerhebliche Aussage des
Werkes und trüge zu einer weitergehenden „Vermenschlichung“ Lohengrins bei, die
dem Charakter nicht gut genug tun kann, da Lohengrin häufig als blass und
unnahbar empfunden wird. Diesem Strich fällt auch Lohengrins Prophezeihung „Nach
Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer
zieh'n!“ zum Opfer. Dies mag als politisch korrekt und entschärfend wirken, aber
man sollte immer bedenken, dass dies eine Projektion unserer Erfahrung ist, die
zur Entstehungszeit des Werkes nicht gegeben war. Darüber hinaus ist man bei
Wagners Werken immer gut beraten, äußere von innerer Handlung zu
unterscheiden.
Ein Teil dieser inneren Handlung ist die Unfähigkeit, das Spirituelle als
solches zu akzeptieren und die Tendenz der Profanierung dessen. Eine
Problematik, die heute erheblich näher an unserer Haut ist, als dies zu Wagners
Zeit der Fall gewesen sein mag. In gewisser Hinsicht ist die Unmöglichkeit oder Verweigerung einer traditionellen Inszenierung des Stückes in vielen Aufführungen ein
Symptom für den im „Lohengrin“ beschriebenen Konflikt zwischen
materialistisch/nihilistischer Weltsicht und Spiritualität in unserer
Zeit.
Ein weitere interessanter Aspekt ist das Werk als Vier-Personen-Stück:
Lohengrin und Elsa sowie Ortrud und Telramund.
Publikumslieblinge waren Lioba Brau als Ortrud und Clemens Unterreiner als
Telramund. Selten hat man eine so wortverständliche und souveräne Ortrud, die
darüber hinaus noch in der Lage ist, diesen Charakter als die „politische Frau“
oder auch den personifizierten Zweifel darzustellen. Man traut ihr ohne weiteres
zu, Telramund in der gezeigten Weise von sich abhängig gemacht zu haben. Am
Rande sei hier erwähnt, wie klug die Kräfteverhältnisse innerhalb dieses Paares
von Wagner komponiert worden sind.
Sein Rollendebüt hatte in diesem Jahr Clemens Unterreiner als Telramund.
Trotz dieses Heimspiels ist es nicht leicht, vor dem Welser Publikum zu bestehen,
zumal Unterreiner dem Publikum durch seinen Wolfram im „Tannhäuser“ des
Vorjahres einen sehr positiven Eindruck hinterlassen hatte. Damals war schon zu
vernehmen, dass man von diesem Bariton noch einiges erwarte.
Diese Erwartungen wurden ohne weiteres erfüllt. Telramund ist durchaus
nicht immer für das Publikum als der Betrogene erkennbar, doch ist er ein
Charakter, der an den Wertvorstellungen seiner Zeit hängt und Ortruds Lügen
glaubt, was ihn letztlich zu Grunde richtet. Ortrud verachtet die Welt, in der
sie lebt. Oberflächlich betrachtet, erscheint sie als rückwärtsgewandt, doch bei
genauerem Hinsehen repräsentiert sie die Moderne. Materialistisch und zynisch.
Telramund existiert zwar auch durch weltliche Werte wie Ruhm und Ehre und passt
insofern zu seiner Frau, doch ihr Materialismus reicht weit über den seinen
hinaus.
Lioba Braun und Clemens Unterreiner gelingt es, dieses Spannungsverhältnis
auf die Bühne zu bringen, womit ein Gutteil des Stückes steht und fällt. Das
Publikum dankte es den Sängern durch viele Bravo Rufe, natürlich wurde
Unterreiner besonders gefeiert. Trotz der allgemeinen Begeisterung sollte
kritisch angemerkt werden, dass er unter dem Druck des Rollendebüts dazu
tendierte, schauspielerisch an manchen Stellen etwas zu viel zu tun, was
aufgrund seiner stimmlichen Möglichkeiten als durchaus unnötig erschien. Dies
sei einem jungen Sänger aber verziehen.
Die Slowakischen Philharmoniker sorgten unter der Leitung von Ralf Weikert
für den nötigen Wagnersound. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass man den
„Lohengrin“ schwerlich besser hören kann. Hierfür sorgte, man sollte nicht
vergessen, dass es sich auch um eine Choroper handelt, auch der Chor der
Slowakischen Philharmonie, der unter der Leitung von Jozef Chabron alle Klippen
der Partitur meisterte.
Wer nach solchen Aufführungen mit vom Applaus schmerzenden Händen das
Theater am Abend verläßt, freut sich bereits auf das nächste Jahr, wenn in Wels
„Tannhäuser“ und „Tristan und Isolde“ gegeben werden.
Stefan Simon
Mittwoch, 28. Mai 2014
IL BARBIERE DI SIVIGLIA, STAATSOPER MÜNCHEN, 26.05.2014
Nur weil ein sogenannter Star absagt, heißt das noch lange nicht,
dass eine Aufführung schlecht sein muss. So geschehen in München. Juan
Diego Florez war vorgesehen und wurde durch den eher unbekannten Eduardo Rocha
ersetzt. Letzterer ergriff die Gelegenheit beim Schopf und lieferte
eine sehr respektable Gesangsleistung ab. Ein hoher
schlank-geführter Tenor mit angenehmem Timbre und sicher gesungenen
Koloraturen vermochte durchaus für sich einzunehmen. Auch das engagierte
Spiel Rochas konnte den positiven Eindruck abrunden. Schade war nur,
dass man Almavivas große Arie am Ende verzichtet hatte - diese hätte ich
dem Sänger durchaus zugetraut.
Mit Kate Lindsey war
auch die Rosina an diesem Abend sehr gut besetzt. Sie verfügt über einen
dunklen, klangvollen Mezzo und sang die Koloraturen sehr sauber und
virtuos. Auch darstellerisch nahm man ihr sowohl das freche Gör, als auch das
verliebte Mädchen gleichermassen jederzeit ab. So soll es sein.
Rodion Pogassovs
Faktotum Figaro hat einen hellen, sehr schönen Bariton, der stimmlich
keine Wünsche offen ließ, allerdings hätte ich mir von seinem Figaro
etwas mehr Schlitzohrigkeit gewünscht um restlos überzeugen zu können.
Renato Girolami als
Bartolo ist derzeit wohl unübertroffen. Er scheint das Buffo-Talent im
Blut zu haben und kostete die diesbezüglich in dieser Inszenierung
gegeben Freiheiten voll aus. Das war nicht nur ein boshafter,
schrulliger alter Mann, sondern ein Mensch der alles darum geben würde,
mit der jungen Generation noch einmal mithalten zu können. Köstlich
seine Wutausbrüche, in denen er als "Dottor' della mia sorte"
vergeblich versuchte, sich als Autorität in Szene zu setzen.
Leider
konnte Peter Rose als Basilio trotz engagiertem Spiel
nicht ganz auf diesem Niveau mithalten. Man vermisste bisweilen das
verschlagene, ja dämonische in dessen eher trocken timbrierten Bass, so
dass das Gift der Calunnia bisweilen seine Wirkung verfehlte.
Trotz angestrengter Höhe trug Hanna Elisabeth Müller
als koloraturniesende Berta mit ihrem komödiantischen Talent viel zum
Gelingen der Aufführung bei.
Während der Chor als liebevoll im Stil des 18. Jahrhunderts kostümierte Soldatentruppe mit Bravour sang und spielte, hätte ich Antonello Allemandi am Pult an diesem Abend etwas mehr Geist gewünscht, um Rossinis Juwelen restlos zum Funkeln zu bringen.
Während der Chor als liebevoll im Stil des 18. Jahrhunderts kostümierte Soldatentruppe mit Bravour sang und spielte, hätte ich Antonello Allemandi am Pult an diesem Abend etwas mehr Geist gewünscht, um Rossinis Juwelen restlos zum Funkeln zu bringen.
Immer noch als mustergültig zu
bezeichnen ist Feruccio Soleris hinreißende Inszenierung aus dem Jahr
1989. Ganz in der Tradition der Commedia dell' Arte verhaftet, setzt sie
auf spontane Situationskomik und ehrliche Emotionen. Alles ergibt sich
aus der Musik und wird in den Rezitativen durch die wunderbaren
Improvisationen am Cembalo unterstützt. Von platten Gags, wie man sie
heute in Rossini-Inszenierungen erleben muss, bleibt man dabei
glücklicherweise verschont. Ehrliche Emotionen und aufrichtiger Humor
führen hier zurück zu dem, was die Oper sein sollte: ein
Gesamtkunstwerk. Dazu trägt auch das liebevoll gestaltete, wunderschöne Bühnenbild von Carlo Tommasi
bei. Ein sich drehendes herrschaftliches Haus in Sevilla zollt nicht
nur den Vorgaben des Librettos Respekt, sondern ermöglicht auch
reibungslose Szenenwechsel. Wunderschön und intelligent auch Ute Frühlings
Kostüme, die alles in sich vereinen: Commedia dell'Arte,
gesellschaftlichen Stand und Hinweise auf den Charakter der Protagonisten. Man kann nur
hoffen, dass diese wunderbare Produktion noch lange erhalten bleibt und
auch künftigen Generationen zeigt , was Oper sein kann und sein
sollte.
Wer so etwas wunderbares und wertvolles als langweilig, nicht
mehr zeitgemäß oder gar verstaubt bezeichnet, beweist nicht nur
mangelnde Kenntnis von Rossinis Werk, sondern sollte sich vielleicht fragen, ob er in der
Oper überhaupt richtig ist.
Montag, 26. Mai 2014
Glanzvolle Tosca im
Schillertheater
am 24.5.2014
am 24.5.2014
Ein gelungener Opernabend, der das
Publikum aufwühlt, belebt, beglückt und anregt, ist in den Zeiten
der allgegenwärtigen Regietheater-Diktatur eher seltener geworden,
zumal man auf vielen Opernbühnen auch Sänger und Sängerinnen zu
hören bekommt, die ihren Rollen nur bedingt gerecht werden. Umso
schöner, wenn es dann und wann doch noch erfreuliche Ausnahmen gibt.
Eine solche war die 177. Vorstellung
der Tosca in der Inszenierung Carl Rihas, einer äußerst
erfolgreichen Produktion, die allerdings schon bald durch eine
„Neuproduktion“ ersetzt werden wird, die sicherlich gar nicht so
neu sein wird – denn außer der althergebrachten, immer gleichen
Aktualisierungsmanie hat das sogenannte moderne Regietheater wohl
kaum etwas wirklich wichtiges zu bieten - wenngleich seine Macher das
auch anders sehen mögen. Die Bühnenbilder von Wolfgang Bellach sind
wuchtig und düster, aber sie passen wunderbar zur bedrohlichen
Atmosphäre, die sich schon gleich zu Beginn über der Oper
ausbreitet. Auffallend ist eine gute Lichtregie, die noch mit
Verfolgern arbeitet, was heutzutage ebenfalls einer Seltenheit
gleichkommt.Im dritten Akt sehen wir nicht die im Morgenrot
schimmernde Kuppel des Petersdoms, sondern befinden uns im Innern der
trutzigen Engelsburg; allenfalls hinter den Zinnen sehen wir ein
Stück Himmel. Im Mittelpunkt befindet sich jedoch die Zelle des
unglücklichen Malers Cavaradossi, der in die Fänge der
unerbittlichen Justiz des Polizeistaates geraten ist. Ein Entrinnen
kann und wird es daraus nicht geben – diesen Eindruck vermittelt
das bedrückend wirkende Bühnenbild.
Qualitativ hochwertige Aufführungen an
einer großen Bühne - selbst wenn die (Schauspiel)bühne des
Schillertheaters räumlich gesehen kaum als groß zu bezeichnen ist -
werden nicht nur durch gute Solisten, sondern auch gute Sänger in Nebenrollen
bestritten. Genau dies wurde vom ersten Moment an deutlich. Sowohl
Artu Kataja (Angelotti) als auch Raimund Nolte (Mesner) und Michael
Smallwood (Spoletta) konnten stimmlich und darstellerisch voll
überzeugen; gerade der linkisch-bigotte Mesner, dessen
leichtfertiges Gerede an der Katastrophe ja keinen geringen Anteil
hat, wurde von Raimund Nolte hervorragend gespielt.
Béatrice Uria-Monzon stellte
eine wunderbare Tosca dar – leidenschaftlich, verzweifelt, naiv
und krankhaft eifersüchtig. Ihre flammenden Höhen waren genau das,
was diese Rolle braucht. Im dritten Akt waren manche ihrer hohen Töne
etwas zu offen, aber beim berühmten Vissi d'arte konnte sie auch hohen Erwartungen gerecht werden, wenngleich man sich stellenweise ein etwas
ausgeglicheneres Piano gewünscht hätte. Über die Qualität ihrer
Stimme, die der Sängerin ein sehr breites Repertoire gestattet,
kann es jedoch keine Diskussion geben.
Gute Tenöre sind ja nicht nur heuer
eher Mangelware. Umso erfreulicher, dass Jorge de Leon als
Cavaradossi vom Gegenteil überzeugen konnte. Seine kraftvolle,
jugendlich-dramatische Stimme bekam der Rolle sehr gut, und von solch
strahlenden, voluminösen Höhen könnten viele, ansonsten in den
Medien ungleich präsentere Kollegen wohl nur träumen. Mittellage
und Mezzavoce klangen stellenweise etwas fest, man hatte den
Eindruck, dass der Tenor seine Stimme unnötig drossele, was bei so
einem herrlichen Material sehr schade ist. Wenn es ihm jedoch
gelingt, auch die Mittellage so locker und unverkrampft wie die Höhe
anzugehen, wird er dem Publikum hoffentlich noch lange als für das
italienische Tenorfach prädestinierter Sänger erhalten bleiben.
Der lettische Bassbariton Egil
Silins war ein furchterregender und einschüchternder Polizeichef
Scarpia – ganz so, wie die Rolle musikalisch und darstellerisch
auch angelegt ist. Vom ersten Augenblick an konnte man die Klasse
dieser hervorragend geführten, voluminösen (Wagner)stimme
genießen. Das Eingangsmotiv des Scarpia – eine düstere, nahezu schwarz wirkende Folge aus einem B-Dur, As-Dur und E-Dur-Akkord
kündigt den Mann an, der – genau wie Cavaradossi es beschreibt –
als brutaler Henker und bigotter Beichtvater zugleich Rom
beherrscht. Wenn nun ein solch skrupelloser Machtmensch dann auch
musikalisch so überzeugend dargeboten wird, wie es Egil Silins
gelang, kann das Publikum sich ganz in die bedrückende Geschichte
dieser Oper hineinversetzen.
Stefano Ranzanis Dirigat war
besonders bei den fff-Stellen wuchtig und überzeugend, generell
hätte man aber, vor allem zugunsten der Sänger, etwas mehr
Differenzierung erwarten können, was bei einem so hochwertigen
Klangkörper wie der Staatskapelle Berlin wohl kein Problem
darstellen dürfte. Tosender Beifall schloss diesen großartigen
Opernabend ab.
Aus der Internetseite der Staatsoper
geht hervor, dass es sich bei dieser Vorstellung wohl um die letzte
Aufführung dieser Inszenierung gehandelt haben muss, denn schon in
der nächsten Spielzeit wird sie durch besagte Neuproduktion ersetzt.
Warum? Ist es wieder einmal das äußerst fadenscheinige Argument, dass
die Kulissen der nun schon seit 1976 so erfolgreich laufenden
Produktion in die Jahre gekommen seien? Oder ist nicht mittlerweile
eine gewisse Systematik zu beobachten, mit der die
pseudointellektuellen Zwangsbeglücker alte Inszenierungen
ausmustern, um die Werke ihren abstrusen Neudeutungen zu unterziehen?
Wie immer es auch sei – liebe Theatermacher, bitte seid wenigstens
ehrlich! Passieren kann euch, die ihr wie in keinem zweiten Land
dieser Welt steuerlich subventioniert werdet, auf dass ihr eurer
als "Kunst" deklarierten Minderheitenbespaßung frönen könnt, doch eigentlich gar nichts. Oder doch? Seid ehrlich und
initiiert nicht noch so peinliche Schmierenkomödien wie „Schadet
Regietheater der Oper ?“, indem allen Ernstes Personen wie Jürgen
Flimm und Kollegen ausgerechnet zu diesem Thema befragt werden, die
sich dann erwartungsgemäß selbst ausgiebig beweihräuchern und als
Geschenk des Himmels an die Theaterwelt betrachten. Das ist in etwa
so, als würde man eine Talkshow zum Thema „Schadet Rauchen der
Gesundheit?“ senden, zu der ausschließlich Vertreter der
Tabakkonzerne eingeladen und befragt werden. Bitte spart euch das in
Zukunft! Seid ehrlich und inszeniert eure super-intellektuellen,
super-gesellschaftskritischen, super-bewegenden Visionen für euch
und eure Getreuen ergo Kritiker, vorbei an Stück und Publikum und
vor halbleeren Häusern. Die Quittung dafür wird sowieso nicht
ausbleiben, aber verschont uns wenigstens mit scheindemokratischen
Diskussionen. Herzlichen Dank!
opera head
opera head
Le Corsaire - ein fantastischer
Ballettabend mit der Staatlichen Ballettschule Berlin
Ein Berlinbesuch ohne eine Vorstellung
des Berliner Staatsballetts ist kaum denkbar; ebenso interessant ist
es jedoch, auch die Ausbildungsabteilung des Balletts einmal in
Aktion zu erleben, denn schnell wird klar, dass die hohe Qualität
der Compagnie nicht von ungefähr kommt, wenn schon die
Ballettschule einen so grandiosen Tanzabend mit der Darbietung des
äußerst anspruchsvollen „Corsaire“ gestalten kann. Die
Qualität, die nicht zuletzt auch durch die künstlerische
Professionalität des vorherigen Intendanten Vladimir Malakhov
weiterentwickelt wurde, war jedenfalls deutlich zu spüren, und es
bleibt zu hoffen, dass auch sein Nachfolger Nacho Duato dies in Form
eines abwechslungsreichen Programms,in dem der klassischen
Balletttradition ein hoher Anteil zugesprochen wird, auf diesem
Niveau weiterzuführen weiß.
Eine spannende Geschichte um Piraten,
Sklavinnen, einen Sklavenhändler und natürlich eine große Liebe
fesselte das durchschnittlich recht junge Publikum im
Schillertheater. Daran hatten neben der Tanzkunst sicherlich auch die
farbenprächtigen Kostüme und das einfache, aber sehr elegante und
passende Bühnenbild ihren Anteil.
Die anspruchsvolle Choreographie nach
Marius Petipa, welche von Christoph Böhm einstudiert wurde, wurde
von Solisten und Corps de Ballett sehr eindrucksvoll getanzt.
Star des nahezu ausverkauften
Premierenabends war die sich nunmehr im achten Ausbildungsjahr
befindende Nemu Kondo in der Rolle der Medora. Kondo tanzt
die schwierigsten Figuren (inklusive der so gefürchteten Fouettés)
mit einer Leichtigkeit, die nur verblüffen kann. Man kann sich
sicher sein, dass man eine so begabte Ballerina bald auch auf anderen
großen Bühnen in klassischen und modernen Balletten erleben wird.
Sara Zinna in der Rolle der Gulnare ist eine ebenso
vielversprechende Tänzerin. Shotaro Shimazaki als
Piratenkapitän Konrad tanzte sehr kraftvoll, und die Battements
gelangen ihm ausgezeichnet. Auch seine Piraten-“Kollegen“ Indra
Stark als Birbanto und Michael Beliov (Ali) beeindruckten
mit einem technisch hochwertigem Tanzstil, letzterer besonders im Pas
de trois mit Nemu Kondo und Shotaro Shimazaki. Justin Rimke in
der Rolle des Sklavenhändlers Lankendem stellte seiner Qualitäten
gleich im ersten Akt unter Beweis, eine tadellose Manège weist auf
die kommende Tanzkarriere hin.
Es ist sehr erfreulich, dass ein so
entbehrungsreicher Beruf wie der des klassischen Tänzers keine
Nachwuchssorgen zu kennen scheint und dass es nicht an jungen,
talentierten Menschen mangelt, die aus Liebe zum klassischen Tanz
eine Profi-Karriere, so hart sie auch sein mag, als Lebensweg
wählen. Hut ab!
opera head
opera head
Montag, 14. April 2014
Arabella in Salzburg
Gestern kam auf 3-Sat die Übertragung der "Arabella" aus Salzburg. Ich war deshalb besonders neugierig, weil in der neuen Spielzeit diese Inszenierung mit fast derselben Besetzung in Dresden zu sehen sein wird.
Zunächst mein Gesamteindruck - es hat mich nicht vom Stuhle gerissen, die sonst üblichen kalten Schauer über den Rücken blieben aus. Warum? Ich versuche es zu erklären.
Die Regie war kein Regietheater im Sinne einer Verunstaltung, es war eine originalgetreue Arabella. Im 1. Akt ein der finanziellen Situation der Fam. Waldner angepaßtes zweitklassiges Hotel-Appartement, da gab es nichts zu meckern. Im 2. Akt der Ballsaal war zwar kein Ballsaal, aber das geräumige Hotelfoyer wurde durch geschickte Kulissenverschiebungen zum Ballsaal gemacht. Und der 3. Akt war wieder im reinen Foyer. Trotzdem fehlte etwas, es hat mich nicht berührt. War es die fehlende Treppe, die fehlende gewohnte rote Farbe der Plüschmöbel? Weiß nicht, ich fand es unpersönlich und wenig athmosphärisch.
Die Kostüme waren teilweise sehr schön. Arabella im 1. Akt zweckmößig, Graf Waldner und Frau ebenso, und über Zdenka in Männersachen gab es auch nichts zu meckern. Mandryka paßte optisch gut in seine Rolle. Matteo hätte man etwas anders ausstaffieren können. Im 2. und 3. Akt war das Kleid von Arabella ein echter Hingucker, tolles Kleid. Die ihrer Männerkleider entledigte Zdenka machte allerdings einen etwas platten und bubernen Eindruck. Die Fiakermilli kann man so darstellen.
Gar nicht gefallen hat mir die Positionierung des Männerchores mit militärisch exakt ausgerichteter Aufstellung im 3. Akt. In meinen Augen waren die Herren in Horch und Guck-Pose ohne jede Bewegung zu statisch, ausdruckslos, ohne Emotion.
Also Inszenierung und Kostüme mit Schulnoten waren etwa eine 3, mehr nicht. Ich glaube, beim Schlußapplaus auch vereinzelte Mißfallensrufe gehört zu haben. Ein Buhkonzert gab es aber nicht, das wäre auch unverdient gewesen.
Nun zur Musik. Die Staatskapelle Dresden unter Thielemann machte einen guten Job. Aber ob es an der Übertragung oder an der Akustik lag - es war mir zu trocken, zu wenig der typische Strauß-Streicherklang, den gerade die Dresdener so gut beherrschen.
Gesanglich ist festzustellen, daß Renee Fleming als Arabella etwas Zeit brauchte, um in Form zu kommen. Allerdings war sie im 2. und 3. Akt auf der Höhe und optisch nach wie vor sehr sehenswert. Im Finale war sie das, was ich erwartet hatte - eine große Sängerin. Man kann verstehen, daß Mandryka (Thomas Hampson) sich in diese Frau verguckt hat. Nicht verstehen kann ich allerdings die Hype, die um Hampson gemacht wird. Er hat mir überhaupt nicht gefallen, selbst in Chemnitz habe ich bessere Stimmen erlebt, von Tonaufnahmen ganz zu schweigen. Sicher ist die Partie schwierig, aber das weiß ich doch, wenn ich sie annehme!
Die Zdenka war phantastisch, im Duett "Aber der Richtige.." war sie der Fleming fast überlegen. Daniel Behle als Matteo war gut. Die Fiakermilli sehr gut. Graf Waldner (Albert Dohmen) paßte sehr gut in die Rolle, optisch, auch gesanglich. Der Sänger des Grafen Elemer stand dem Herrn Behle in nichts nach, auch wenn sein Name mir entfallen ist. Alle anderen Sänger waren auf der Bühne ohne nachhaltigen Eindruck.
Alles in Allem eine angenehme Aufführung, mehr nicht. Ich habe sie aufgenommen, aber ob ich sie behalte oder wieder lösche, das weiß ich noch nicht.
Mich würde schon interessieren, ob und wie andere Opernfreunde diese Inszenierung gesehen haben.
U.B.
Labels:
Albert Dohmen,
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Renee Flemming,
Thielemann,
Thomas Hampson
Freitag, 11. April 2014
Der neue "Lodengrün" an der Wiener Staatsoper - Ein Generalprobenbesuch von Saskia Ellmer
Mikko Franck | Dirigent
Andreas Homoki | Regie
Wolfgang Gussmann | Ausstattung
Franck Evin | Licht
Werner Hintze | Dramaturgie
Thomas Bruner | Bühnenbildmitarbeit
Carl-Christian Andresen |
Kostümmitarbeit
Günther Groissböck | Heinrich der
Vogler, deutscher König
Klaus Florian Vogt | Lohengrin
Camilla Nylund | Elsa von Brabant
Wolfgang Koch | Friedrich von
Telramund, brabantischer Graf
Michaela Martens | Ortrud, seine
Gemahlin
Detlef Roth | Der Heerrufer des Königs
Ich möchte vorausschicken, sehr
positiv in diese Generalprobe gegangen zu sein, da ich der festen
Meinung war, es könnte nicht schlimmer kommen, als die letzte
"Inszenierung" von Barrie Kosky war. Nun, ich fand es auch nicht schlimmer, aber anders
schlimm.
Ich fürchte, ich bin ein sehr dummer Mensch, denn ich habe
nicht verstanden, was "Lohengrin" im Trachtenverein
verloren hat. Es bestehen durchgehend alle Kostüme aus
Trachtenkleidern, Dirndln, Trachtenanzügen, Hüten mit Gamsbärten,
etc. Dazu "Gretelfrisuren", und ich frage mich wirklich,
was z.B. Elsa von Brabant anficht, eine solche zu tragen. Was wollen Andreas
Homoki und Wolfgang Gussmann damit ausdrücken? Soll das lustig sein? Macht er
sich über die "Deutschtümelei" lustig? Ich weiß es
nicht und will es auch nicht wissen. Trachten sind zeitlose Kleidungsstücke, die gerade jetzt
wieder sehr modern sind und mit einer etwaigen Gesinnung überhaupt
nichts zu tun haben. Das scheinen die Herren in ihrer Regietheater-Ignoranz verschlafen zu haben.
Verschlafen hätte ich aber beinahe sonst so einiges, da ich mich
großteils tödlich gelangweilt habe. Der finnische Dirigent Mikko Franck
verschleppt die sonst so spannungsgeladene Musik teilweise bis zur
Unkenntlichkeit. Man muss ihm zwar zugute halten, dass er erst so
kurzfristig von Bertrand de Billy übernommen hat, ich nehme
allerdings an, er hat bereits Erfahrung mit dem Werk, da es ja sonst
unverantwortlich wäre, ihn an so einem Haus übernehmen zu lassen.
Klaus Florian Vogt in der Titelrolle ist ein sehr erfreulicher
Anblick, allerdings endet die Freude hier auch schon wieder. Er ist
stimmlich heillos überfordert, ist teilweise kaum zu hören und das,
was man hört, ist von Wohlklang leider ziemlich weit entfernt. In den letzten Tagen fiel immer wieder das Wort 'Knabensopran'...Mei, wir wollen es nicht vertiefen. Abschließend zu Herrn Vogt bleibt die Feststellung, dass dieser Sänger allenfalls als Lohengrin-Paradie gemeint sein kann, was aber in Regietehater-Zeiten, in denen keiner mehr was von Stimmen versteht, leider nichts ungewöhnliches wäre.... Camilla Nylund singt und spielt ihn locker an die Wand, besticht
durch eine wunderbare Mittellage, sichere Höhen und gibt das gute
Gefühl, keinerlei Probleme zu haben. Positiv überrascht hat mich
auch Michaela Mertens als Ortrud, der man ein paar kleine Schärfen
gerne verzeiht. Unbedingt hervorzuheben ist Günther Groissböck als
Heinrich der Vogler, der in diesem Ensemble die Ehre der Herren
rettet. Mit prachtvoller, gut geführter Stimme gibt er seiner Figur
Konturen und erzeugt spannende Momente, obwohl auch er, wie alle, in
ständigem Clinch mit den seltsamen Tempi des Dirigenten lag..
Zuletzt wollte ich über die Personenführung berichten, alleine, ich
konnte keine entdecken. Hätten die Sänger untereinander vereinbart,
wie sie sich in der eigenartigen Kulisse bewegen und geben wollen,
wäre es wahrscheinlich noch besser und glaubwürdiger geworden. So
stolpern sie in Szenen herum, die von wenig Sinn und Verstand zeugen.
Es wird mit einem Spielzeugschwänchen herumgespielt, Herr Vogt darf
in einem kurzen Nachthemd seine ansehnlichen nackten Beine zeigen und
mit Elsa einmal mehr am Boden sitzend Hochzeit feiern. Wie originell....!
Fazit: die ganze Inszenierung bleibt in einem Wust an langweiligen
Banalitäten hängen. Auch musikalisch haben wir schon viel bessere
Zeiten in Wien erleben dürfen. Wir haben nun eine weitere Aufführung
im Repertoire, deren Besuch man sich getrost sparen kann. Schade,
eine weitere vertane Chance.
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Donnerstag, 10. April 2014
TOSCA und der Philo-Quatsch, Bielefeld 05.04.2014
Als Präsident des Soojin Moon-Fanclubs war ich gestern in Bielefeld, um deren Tosca zu sehen.
Oper in Deutschland, das heißt ja wohl unweigerlich: her mit einem Regiekonzept! Das hat sich auch gestern wieder bewahrheitet. Zum Glück hatte ich mich gut vorbereitet (mit einem guten Glas), aber es kam trotzdem ziemlich Dicke.
Tosca war reduziert zu einer minimalistischen Kammer-Oper, ausgehend
von einem Philoso- Qatsch-Konzept von
Regisseur Sebastian Bauer, das so hirnrissig und weit hergeholt war,
dass ich den zugrundeliegenden Gedanken, soweit den überhaupt jemand
gedacht hatte, hier lieber nicht erörtern möchte. Ich glaube, meine
deutschen Freunde benutzen dafür das wunderschöne Wort ,voll-idiotisch'.
Einige praktische Konsequenzen des Konzepts waren u.a. (so
eine Art) Vissi d’Arte, das schon vor Anfang der Oper zum Besten gegeben
wurde (eine Möglichkeit, die Puccini seinerzeit völlig entgangen sein
muss), ein Cavaradossi, der begeistert Fernsehgeräte anstreicht, ein
Trödler in Fernsehern, der ohne jeden erkenntlichen Grund das Angelus zu
beten beginnt, die Aria Vissi d’Arte (gleich die 2. des Abends), die
aufgehübscht wird durch eine ,kleine Tosca', die die Mordwaffe bringt,
und ein 'E Lucevan Le Stelle', das vom Knarren eines drehenden Podiums
begleitet wird. Hinzu kamen noch ein paar alte Bekannte aus dem Fundus
der Modernen Regie, etwa die unvermeidlichen Maschinengewehre und ein
Saal, der voll in die Scheinwerfer gerückt wird, ein Kunstgriff, der
auch schon zum 3027. Mal an uns durchexerziert wird.
Aber zum
Glück kamen wir in musikalischer Hinsicht voll und ganz auf unsere
Kosten. Obwohl leicht indisponiert, brillierte Soojin Moon in der Titelrolle wieder wie eh
und je. Was für eine Persönlichkeit! Auf die Frage ,Was wollt Ihr denn'
gibt es für uns somit nur eine Antwort. Auch der Rest der Besetzung,
u.a. unser ,eigener' Frank Dolphin Wong aus Holland, der einen sehr
guten Scarpia gab, war wirklich in Ordnung. Alles in allem doch noch ein
gelungener Abend, besonders als wir dann auch noch die überraschende
Entdeckung machten, dass man in Bielefeld auch wirklich sehr gut
soupieren kann.
von Olivier Keegel
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