Freitag, 13. Juni 2014

Richard Wagner Festival Wels 2014
 
Heuer feierte das Richard Wagner Festival in Wels sein 25-jähriges Bestehen. Das aus privater Initiative hervorgegangene Festival mauserte sich seit seinem Bestehen von konzertanten Aufführungen der Werke Richard Wagners zu szenischen Produktionen und wurde zum Magnet für Wagnerfreunde aus der ganzen Welt. „Werktreue und künstlerische Qualität“ war und ist das Motto des Festivals, welches sich  dieses Jahr in vier ausverkauften Vorstellungen die Wiederaufnahmen von „Der fliegende Holländer“ und „Lohengrin“ zeigte.
 
Wagners Gespensteroper „Der fliegende Holländer“ wurde von Herbert Adler als solche ernst genommen und umgesetzt. Konsequent erscheint die Figur des Holländers als Geist, was durch sensible Lichtführung dem Betrachter stets vor Augen geführt wird. Diese Auffassung stellt den Sänger vor eine besondere Herausforderung, gilt es doch, die seelische Qual der Rolle und die Beziehung zu Senta heraus zu arbeiten. Wolfgang Brendel löste dies, in dem er seine Baritonpartie mit einem fast lyrischen Ansatz anlegte und so einen Gegensatz zwischen äußerer Erscheinung und Stimme erzeugte. Selten hat man das Duett „Wie aus der Ferne...“ mit solch atemloser Spannung verfolgen können. Astrid Webers dramatischer Sopran ist in solch lyrischen Stellen am überzeugendsten; in den Höhen neigte sie an diesem Abend zu etwas zu schrillen Tönen, die ihr allerdings durch ihre Gesamtmeisterung der Partie, vor allem ist hier die Ballade zu erwähnen, leicht verziehen wurden.
 
Reinhard Hagens Daland hätte schwerlich besser dargeboten werden können. „Mögst du, mein Kind,...“ gehörte zu den Höhepunkten dieses Abends. Herbert Adler durchbrach die Eindimensionalität des Charakters am Ende der Oper nach Sentas Tod, als dieser sich tröstend dem verzweifelten Erik zuwendet, so dass die Figur des gierigen Seemanns hinter die des gebrochenen Vaters zurück treten konnte.
 
Clemens Bieber ist ein Erik, auf den sich das Publikum freut. Die von Wagner bewußt blass angelegte Figur, die oft als Störfaktor mit hohlem Schöngesang wahrgenommen wird, kommt hier zu Glanz und Ehre. Ein echter lyrischer Tenor, der es versteht, auch dieser Partie Leben einzuhauchen.
 
Im Besonderen ist Christian Sturm als Steuermann zu erwähnen. Der junge Tenor ist ein gern gesehener Gast des Festivals und dem Publikum auch aus dem „Tristan“ in guter Erinnerung. „Mit Gewitter und Sturm...“ ist der „Aufmacher“ der Oper, aber oft schnell vergessen, wenn der 3. Akt zu Ende ist. Herbert Adler nahm sich insbesondere dieser Rolle an und sorgte mit vielen schönen Details dafür, dass der Steuermann präsent blieb und bis zum Ende seinen Platz auf der Szene hatte. Ein liebenswertes Charakteristikum für Wels, dass man sich junger Sänger besonders annimmt.
 
Der Tschechische Philharmonische Chor Brünn unter der Leitung von Jan Ocetec brachte die in der Oper enthaltenen Evergreens mit großer Sicherheit und Wortverständlichkeit über die Rampe, wie man es selten erlebt. Selbst wenn der ganze Chor in Bewegung war, kratzte dies nicht an der Einheitlichkeit des Klanges, wie es manchmal zu beklagen ist.
 
Wels-Veteran Ralf Weikert sorgte mit den Brünner Philharmonikern für den original wagnerschen „Gespensterklang“. Im relativ kleinen Welser Stadtheater gelingt es Weikert immer wieder, das Orchester so zu führen, dass die Singstimmen im Vordergrund bleiben und dennoch die Stellen, die die volle Wucht des Orchesters erfordern, zu ihrem Recht kommen. Weikert feilte sehr an den leisen Stellen und zeigt hier einen fast kammermusikalischen Ansatz. Man konnte bei ihm Instrumente hören, die man ansonsten noch nie wahrgenommen hat.
 
Das Publikum dankte den Mitwirkenden mit endlosem Applaus und zahlreichen Bravo-Rufen.
 
 
Zum zweiten Mal stand in diesem Jahr „Lohengrin“ auf dem Programm. Wagners romantische Oper wird hier vollständig in diesem Sinne inszeniert. Hierbei ist anzumerken, dass Wels durchaus nicht als "Ausstattungstheater" bezeichnet werden kann. Das erste Bild besteht aus einem gebauten Kreis in der Bühnenmitte, dem Sitz König Heinrichs und einer Rampe dem Hintergrund dazu. 
Der Bühnenhintergrund wird von einer Rückprojektionswand begrenzt. Mit diesen Mitteln versteht es der Lichtzauberer Herbert Adler jede benötigte Atmosphäre so unmerklich und fließend zu erzeugen, dass man denken möchte, erheblich mehr auf der Bühne gesehen zu haben, als tatsächlich da war. Im Ganzen bleibt der „Lohengrin“ innerhalb dieser Schlichtheit. Während im Holländer aufwändige Animationen im Hintergrund zum Einsatz kamen; Sturm und Wellen, die beeindruckende Manifestation des Gespensterschiffes und die Erscheinung der Geistermannschaft, muß man erwähnen, dass es bei Lohengrin bei einer ruhigen blauen Wasserfläche im Hintergrund bleibt.  Chor und Sänger stehen im wahrsten Sinne des Wortes im Mittelpunkt.
 
Der Heerrufer des Königs Thomas Berau, dessen Rolle schwerer zu singen ist, als man annehmen möchte, meisterte die Partie, welche manchmal nicht das gebührende Publikumsinteresse zu erwecken vermag, in einer Weise, die ihm viele begeisterte Äußerungen des Publikums einbrachte.
 
Reinhard Hagen wird nicht nur als König Heinrich Herr der zwei Chöre, sondern auch mit seiner Stimme. An dieser Stelle kann gleich erwähnt werden, dass insbesondere die Chor- und Ensemblestellen in dieser Aufführung außerordentlich gelungen sind. Beispielhaft sei hier „Mein Herr und Gott,...“ erwähnt. Man hört diesen Part selten so exakt ausgeführt, es sei denn, auf einer Aufnahme. Hier gelang wirklich ein Klangzauber.
 
Petra Maria Schnitzers Elsa ist am stärksten in den lyrischen Stellen; ihre Stimme verleiht der Rolle die notwendige, überirdische Strahlkraft, die ihre Verbindung zur Gralswelt Lohengrins glaubhaft macht. Hin und wieder in den Höhen nicht völlig sicher an diesem Abend, überzeugte sie ihr Publikum dennoch vollständig.
 
Die Schwanenerscheinung ist ein beliebter Diskussions- wenn nicht gar Streitpunkt. Im modernen Regietheater als uninszenierbarer Kitsch abgetan, wird häufig übersehen, dass es hier um die Darstellung eines Wunders geht, das von den einen als solches akzeptiert wird, um von der Politikerin Ortrud zum Zauberwerk umgedeutet zu werden. Es ist dieser Konflikt, der vor allem in Elsa ausgetragen wird, um schließlich zum Verhängnis zu werden.
 
Herbert Adler läßt im Hintergrund Nebelschwaden über dem Wasser zusammenziehen, die dann zu einer stilisierten Schwanenerscheinung verschmelzen. Dies gelang so beeindruckend, dass man erstaunte Reaktionen aus dem Publikum wahrnehmen konnte. Dies geschieht derzeit selten.
 
Jon Kettilson ist ein ordentlicher, wenn auch kein strahlender Lohengrin. Stimmlich wirkte er insbesondere im ersten und zweiten Akt etwas zu steif, steigerte sich aber in der Brautgemachszene und natürlich für „In fernem Land...“, das man an diesem Abend ausgezeichnet zu hören bekam. Leider verzichtet auch diese Inszenierung nicht auf eine Strich im 3. Akt ab „O Elsa! Was hast du mir angetan?“ bis „Der Schwan! Der Schwan!“. Leider, weil diese Stelle explizit enthält, dass Lohengrin Elsa wirklich liebt, die ihn aber als höheres Wesen anbetet. Sie enthält somit eine nicht unerhebliche Aussage des Werkes und trüge zu einer weitergehenden „Vermenschlichung“ Lohengrins bei, die dem Charakter nicht gut genug tun kann, da Lohengrin häufig als blass und unnahbar empfunden wird. Diesem Strich fällt auch Lohengrins Prophezeihung „Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer zieh'n!“ zum Opfer. Dies mag als politisch korrekt und entschärfend wirken, aber man sollte immer bedenken, dass dies eine Projektion unserer Erfahrung ist, die zur Entstehungszeit des Werkes nicht gegeben war. Darüber hinaus ist man bei Wagners Werken immer gut beraten, äußere von innerer Handlung zu unterscheiden.
 
Ein Teil dieser inneren Handlung ist die Unfähigkeit, das Spirituelle als solches zu akzeptieren und die Tendenz der Profanierung dessen. Eine Problematik, die heute erheblich näher an unserer Haut ist, als dies zu Wagners Zeit der Fall gewesen sein mag. In gewisser Hinsicht ist die Unmöglichkeit oder Verweigerung einer  traditionellen Inszenierung des Stückes in vielen Aufführungen ein Symptom für den im „Lohengrin“ beschriebenen Konflikt zwischen materialistisch/nihilistischer Weltsicht und Spiritualität in unserer Zeit.
 
Ein weitere interessanter Aspekt ist das Werk als Vier-Personen-Stück: Lohengrin und Elsa sowie Ortrud und Telramund.
 
Publikumslieblinge waren Lioba Brau als Ortrud und Clemens Unterreiner als Telramund. Selten hat man eine so wortverständliche und souveräne Ortrud, die darüber hinaus noch in der Lage ist, diesen Charakter als die „politische Frau“ oder auch den personifizierten Zweifel darzustellen. Man traut ihr ohne weiteres zu, Telramund in der gezeigten Weise von sich abhängig gemacht zu haben. Am Rande sei hier erwähnt, wie klug die Kräfteverhältnisse innerhalb dieses Paares von Wagner komponiert worden sind.
 
Sein Rollendebüt hatte in diesem Jahr Clemens Unterreiner als Telramund. Trotz dieses Heimspiels ist es nicht leicht, vor dem Welser Publikum zu bestehen, zumal Unterreiner dem Publikum durch seinen Wolfram im „Tannhäuser“ des Vorjahres einen sehr positiven Eindruck hinterlassen hatte. Damals war schon zu vernehmen, dass man von diesem Bariton noch einiges erwarte.
 
Diese Erwartungen wurden ohne weiteres erfüllt. Telramund ist durchaus nicht immer für das Publikum als der Betrogene erkennbar, doch ist er ein Charakter, der an den Wertvorstellungen seiner Zeit hängt und Ortruds Lügen glaubt, was ihn letztlich zu Grunde richtet. Ortrud verachtet die Welt, in der sie lebt. Oberflächlich betrachtet, erscheint sie als rückwärtsgewandt, doch bei genauerem Hinsehen repräsentiert sie die Moderne. Materialistisch und zynisch. Telramund existiert zwar auch durch weltliche Werte wie Ruhm und Ehre und passt insofern zu seiner Frau, doch ihr Materialismus reicht weit über den seinen hinaus.
 
Lioba Braun und Clemens Unterreiner gelingt es, dieses Spannungsverhältnis auf die Bühne zu bringen, womit ein Gutteil des Stückes steht und fällt. Das Publikum dankte es den Sängern durch viele Bravo Rufe, natürlich wurde Unterreiner besonders gefeiert. Trotz der allgemeinen Begeisterung sollte kritisch angemerkt werden, dass er unter dem Druck des Rollendebüts dazu tendierte, schauspielerisch an manchen Stellen etwas zu viel zu tun, was aufgrund seiner stimmlichen Möglichkeiten als durchaus unnötig erschien. Dies sei einem jungen Sänger aber verziehen.
 
Die Slowakischen Philharmoniker sorgten unter der Leitung von Ralf Weikert für den nötigen Wagnersound. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass man den „Lohengrin“ schwerlich besser hören kann. Hierfür sorgte, man sollte nicht vergessen, dass es sich auch um eine Choroper handelt, auch der Chor der Slowakischen Philharmonie, der unter der Leitung von Jozef Chabron alle Klippen der Partitur meisterte.
 
Wer nach solchen Aufführungen mit vom Applaus schmerzenden Händen das Theater am Abend verläßt, freut sich bereits auf das nächste Jahr, wenn in Wels „Tannhäuser“ und „Tristan und Isolde“ gegeben werden.
 
Stefan Simon

Mittwoch, 28. Mai 2014

IL BARBIERE DI SIVIGLIA, STAATSOPER MÜNCHEN, 26.05.2014
Nur weil ein sogenannter Star absagt, heißt das noch lange nicht, dass eine Aufführung schlecht sein muss. So geschehen in München. Juan Diego Florez war vorgesehen  und wurde durch den eher unbekannten Eduardo Rocha ersetzt.  Letzterer ergriff die Gelegenheit beim Schopf und lieferte eine sehr respektable Gesangsleistung ab. Ein hoher schlank-geführter  Tenor mit angenehmem Timbre und sicher gesungenen Koloraturen vermochte durchaus für sich einzunehmen. Auch das engagierte Spiel Rochas konnte den positiven Eindruck  abrunden. Schade war nur, dass man Almavivas große Arie am Ende verzichtet hatte - diese hätte ich dem Sänger durchaus zugetraut.
 Mit Kate Lindsey war auch die Rosina an diesem Abend sehr gut besetzt. Sie verfügt über einen dunklen, klangvollen Mezzo und sang die Koloraturen sehr sauber und virtuos. Auch darstellerisch nahm man ihr sowohl das freche Gör, als auch das verliebte Mädchen gleichermassen jederzeit ab. So soll es sein.  
Rodion Pogassovs Faktotum Figaro hat einen hellen, sehr  schönen Bariton, der stimmlich keine Wünsche offen ließ, allerdings hätte ich mir von seinem Figaro etwas mehr Schlitzohrigkeit gewünscht um restlos überzeugen zu können.  
Renato Girolami als Bartolo ist derzeit wohl unübertroffen. Er scheint das Buffo-Talent im Blut zu haben und kostete die diesbezüglich in dieser Inszenierung gegeben Freiheiten voll aus. Das war nicht nur ein boshafter, schrulliger alter Mann, sondern ein Mensch der alles darum geben würde, mit der jungen Generation noch einmal mithalten zu können. Köstlich seine Wutausbrüche, in denen er  als "Dottor' della mia sorte" vergeblich versuchte, sich als Autorität in Szene zu setzen. 
Leider konnte Peter Rose als Basilio trotz engagiertem Spiel nicht ganz auf diesem Niveau mithalten. Man vermisste bisweilen das verschlagene, ja dämonische in dessen eher trocken timbrierten Bass, so dass das Gift der Calunnia bisweilen seine Wirkung verfehlte. 
Trotz angestrengter Höhe trug Hanna Elisabeth Müller als koloraturniesende Berta mit ihrem komödiantischen Talent viel zum Gelingen der Aufführung bei.
Während der Chor als liebevoll im Stil des 18. Jahrhunderts kostümierte  Soldatentruppe mit Bravour sang und spielte, hätte ich  Antonello Allemandi am Pult an diesem Abend etwas mehr Geist gewünscht, um  Rossinis Juwelen restlos zum Funkeln zu bringen. 
Immer noch als mustergültig zu bezeichnen ist Feruccio Soleris hinreißende Inszenierung aus dem Jahr 1989. Ganz in der Tradition der Commedia dell' Arte verhaftet, setzt sie auf spontane Situationskomik und ehrliche Emotionen. Alles ergibt sich aus der Musik und wird in den Rezitativen durch die wunderbaren Improvisationen am Cembalo unterstützt. Von platten Gags, wie man sie heute in Rossini-Inszenierungen erleben muss, bleibt man dabei glücklicherweise verschont. Ehrliche Emotionen und aufrichtiger Humor führen hier zurück zu dem, was die Oper sein sollte: ein Gesamtkunstwerk. Dazu trägt auch das liebevoll gestaltete, wunderschöne Bühnenbild von Carlo Tommasi bei. Ein sich drehendes herrschaftliches Haus in Sevilla zollt nicht nur den Vorgaben des Librettos Respekt, sondern ermöglicht auch reibungslose Szenenwechsel. Wunderschön und intelligent auch Ute Frühlings Kostüme, die alles in sich vereinen: Commedia dell'Arte, gesellschaftlichen Stand und Hinweise auf den Charakter der Protagonisten. Man kann nur hoffen, dass diese wunderbare Produktion noch lange erhalten bleibt und auch künftigen Generationen zeigt , was Oper sein kann und sein sollte.
 Wer so etwas  wunderbares und wertvolles als langweilig, nicht mehr zeitgemäß oder gar verstaubt bezeichnet, beweist nicht nur mangelnde Kenntnis von Rossinis  Werk, sondern sollte sich vielleicht fragen, ob er in der Oper überhaupt richtig ist.

Montag, 26. Mai 2014

Glanzvolle Tosca im Schillertheater
am 24.5.2014

Ein gelungener Opernabend, der das Publikum aufwühlt, belebt, beglückt und anregt, ist in den Zeiten der allgegenwärtigen Regietheater-Diktatur eher seltener geworden, zumal man auf vielen Opernbühnen auch Sänger und Sängerinnen zu hören bekommt, die ihren Rollen nur bedingt gerecht werden. Umso schöner, wenn es dann und wann doch noch erfreuliche Ausnahmen gibt.
Eine solche war die 177. Vorstellung der Tosca in der Inszenierung Carl Rihas, einer äußerst erfolgreichen Produktion, die allerdings schon bald durch eine „Neuproduktion“ ersetzt werden wird, die sicherlich gar nicht so neu sein wird – denn außer der althergebrachten, immer gleichen Aktualisierungsmanie hat das sogenannte moderne Regietheater wohl kaum etwas wirklich wichtiges zu bieten - wenngleich seine Macher das auch anders sehen mögen. Die Bühnenbilder von Wolfgang Bellach sind wuchtig und düster, aber sie passen wunderbar zur bedrohlichen Atmosphäre, die sich schon gleich zu Beginn über der Oper ausbreitet. Auffallend ist eine gute Lichtregie, die noch mit Verfolgern arbeitet, was heutzutage ebenfalls einer Seltenheit gleichkommt.Im dritten Akt sehen wir nicht die im Morgenrot schimmernde Kuppel des Petersdoms, sondern befinden uns im Innern der trutzigen Engelsburg; allenfalls hinter den Zinnen sehen wir ein Stück Himmel. Im Mittelpunkt befindet sich jedoch die Zelle des unglücklichen Malers Cavaradossi, der in die Fänge der unerbittlichen Justiz des Polizeistaates geraten ist. Ein Entrinnen kann und wird es daraus nicht geben – diesen Eindruck vermittelt das bedrückend wirkende Bühnenbild.
Qualitativ hochwertige Aufführungen an einer großen Bühne - selbst wenn die (Schauspiel)bühne des Schillertheaters räumlich gesehen kaum als groß zu bezeichnen ist - werden nicht nur durch gute Solisten, sondern auch gute Sänger in  Nebenrollen bestritten. Genau dies wurde vom ersten Moment an deutlich. Sowohl Artu Kataja (Angelotti) als auch Raimund Nolte (Mesner) und Michael Smallwood (Spoletta) konnten stimmlich und darstellerisch voll überzeugen; gerade der linkisch-bigotte Mesner, dessen leichtfertiges Gerede an der Katastrophe ja keinen geringen Anteil hat, wurde von Raimund Nolte hervorragend gespielt.

Béatrice Uria-Monzon stellte eine wunderbare Tosca dar – leidenschaftlich, verzweifelt, naiv und krankhaft eifersüchtig. Ihre flammenden Höhen waren genau das, was diese Rolle braucht. Im dritten Akt waren manche ihrer hohen Töne etwas zu offen, aber beim berühmten Vissi d'arte konnte sie auch hohen Erwartungen gerecht werden, wenngleich man sich stellenweise ein etwas ausgeglicheneres Piano gewünscht hätte. Über die Qualität ihrer Stimme, die der Sängerin ein sehr breites Repertoire gestattet, kann es jedoch keine Diskussion geben.

Gute Tenöre sind ja nicht nur heuer eher Mangelware. Umso erfreulicher, dass Jorge de Leon als Cavaradossi vom Gegenteil überzeugen konnte. Seine kraftvolle, jugendlich-dramatische Stimme bekam der Rolle sehr gut, und von solch strahlenden, voluminösen Höhen könnten viele, ansonsten in den Medien ungleich präsentere Kollegen wohl nur träumen. Mittellage und Mezzavoce klangen stellenweise etwas fest, man hatte den Eindruck, dass der Tenor seine Stimme unnötig drossele, was bei so einem herrlichen Material sehr schade ist. Wenn es ihm jedoch gelingt, auch die Mittellage so locker und unverkrampft wie die Höhe anzugehen, wird er dem Publikum hoffentlich noch lange als für das italienische Tenorfach prädestinierter Sänger erhalten bleiben.

Der lettische Bassbariton Egil Silins war ein furchterregender und einschüchternder Polizeichef Scarpia – ganz  so, wie die Rolle musikalisch und darstellerisch auch angelegt ist. Vom ersten Augenblick an konnte man die Klasse dieser hervorragend geführten, voluminösen (Wagner)stimme genießen. Das Eingangsmotiv des Scarpia – eine düstere, nahezu schwarz wirkende Folge aus einem B-Dur, As-Dur und E-Dur-Akkord kündigt den Mann an, der – genau wie Cavaradossi es beschreibt – als brutaler Henker und bigotter Beichtvater zugleich Rom beherrscht. Wenn nun ein solch skrupelloser Machtmensch dann auch musikalisch so überzeugend dargeboten wird, wie es Egil Silins gelang, kann das Publikum sich ganz in die bedrückende Geschichte dieser Oper hineinversetzen.

Stefano Ranzanis Dirigat war besonders bei den fff-Stellen wuchtig und überzeugend, generell hätte man aber, vor allem zugunsten der Sänger, etwas mehr Differenzierung erwarten können, was bei einem so hochwertigen Klangkörper wie der Staatskapelle Berlin wohl kein Problem darstellen dürfte. Tosender Beifall schloss diesen großartigen Opernabend ab.

Aus der Internetseite der Staatsoper geht hervor, dass es sich bei dieser Vorstellung wohl um die letzte Aufführung dieser Inszenierung gehandelt haben muss, denn schon in der nächsten Spielzeit wird sie durch besagte Neuproduktion ersetzt. Warum? Ist es wieder einmal das äußerst fadenscheinige Argument, dass die Kulissen der nun schon seit 1976 so erfolgreich laufenden Produktion in die Jahre gekommen seien? Oder ist nicht mittlerweile eine gewisse Systematik zu beobachten, mit der die pseudointellektuellen Zwangsbeglücker alte Inszenierungen ausmustern, um die Werke ihren abstrusen Neudeutungen zu unterziehen? Wie immer es auch sei – liebe Theatermacher, bitte seid wenigstens ehrlich! Passieren kann euch, die ihr wie in keinem zweiten Land dieser Welt steuerlich subventioniert werdet, auf dass ihr eurer als "Kunst" deklarierten Minderheitenbespaßung frönen könnt, doch eigentlich gar nichts. Oder doch? Seid ehrlich und initiiert nicht noch so peinliche Schmierenkomödien wie „Schadet Regietheater der Oper ?“, indem allen Ernstes Personen wie Jürgen Flimm und Kollegen ausgerechnet zu diesem Thema befragt werden, die sich dann erwartungsgemäß selbst ausgiebig beweihräuchern und als Geschenk des Himmels an die Theaterwelt betrachten. Das ist in etwa so, als würde man eine Talkshow zum Thema „Schadet Rauchen der Gesundheit?“ senden, zu der ausschließlich Vertreter der Tabakkonzerne eingeladen und befragt werden. Bitte spart euch das in Zukunft! Seid ehrlich und inszeniert eure super-intellektuellen, super-gesellschaftskritischen, super-bewegenden Visionen für euch und eure Getreuen ergo Kritiker, vorbei an Stück und Publikum und vor halbleeren Häusern. Die Quittung dafür wird sowieso nicht ausbleiben, aber verschont uns wenigstens mit scheindemokratischen Diskussionen. Herzlichen Dank!

opera head 
Le Corsaire - ein fantastischer Ballettabend mit der Staatlichen Ballettschule Berlin

Ein Berlinbesuch ohne eine Vorstellung des Berliner Staatsballetts ist kaum denkbar; ebenso interessant ist es jedoch, auch die Ausbildungsabteilung des Balletts einmal in Aktion zu erleben, denn schnell wird klar, dass die hohe Qualität der Compagnie nicht von ungefähr kommt, wenn schon die Ballettschule einen so grandiosen Tanzabend mit der Darbietung des äußerst anspruchsvollen „Corsaire“ gestalten kann. Die Qualität, die nicht zuletzt auch durch die künstlerische Professionalität des vorherigen Intendanten Vladimir Malakhov weiterentwickelt wurde, war jedenfalls deutlich zu spüren, und es bleibt zu hoffen, dass auch sein Nachfolger Nacho Duato dies in  Form eines abwechslungsreichen Programms,in dem der klassischen Balletttradition ein hoher Anteil zugesprochen wird, auf diesem Niveau weiterzuführen weiß.

Eine spannende Geschichte um Piraten, Sklavinnen, einen Sklavenhändler und natürlich eine große Liebe fesselte das durchschnittlich recht junge Publikum im Schillertheater. Daran hatten neben der Tanzkunst sicherlich auch die farbenprächtigen Kostüme und das einfache, aber sehr elegante und passende Bühnenbild ihren Anteil.

Die anspruchsvolle Choreographie nach Marius Petipa, welche von Christoph Böhm einstudiert wurde, wurde von Solisten und Corps de Ballett sehr eindrucksvoll getanzt.
Star des nahezu ausverkauften Premierenabends war die sich nunmehr im achten Ausbildungsjahr befindende Nemu Kondo in der Rolle der Medora. Kondo tanzt die schwierigsten Figuren (inklusive der so gefürchteten Fouettés) mit einer Leichtigkeit, die nur verblüffen kann. Man kann sich sicher sein, dass man eine so begabte Ballerina bald auch auf anderen großen Bühnen in klassischen und modernen Balletten erleben wird. Sara Zinna in der Rolle der Gulnare ist eine ebenso vielversprechende Tänzerin. Shotaro Shimazaki als Piratenkapitän Konrad tanzte sehr kraftvoll, und die Battements gelangen ihm ausgezeichnet. Auch seine Piraten-“Kollegen“ Indra Stark als Birbanto und Michael Beliov (Ali) beeindruckten mit einem technisch hochwertigem Tanzstil, letzterer besonders im Pas de trois mit Nemu Kondo und Shotaro Shimazaki. Justin Rimke in der Rolle des Sklavenhändlers Lankendem stellte seiner Qualitäten gleich im ersten Akt unter Beweis, eine tadellose Manège weist auf die kommende Tanzkarriere hin.

Es ist sehr erfreulich, dass ein so entbehrungsreicher Beruf wie der des klassischen Tänzers keine Nachwuchssorgen zu kennen scheint und dass es nicht an jungen, talentierten Menschen mangelt, die aus Liebe zum klassischen Tanz eine Profi-Karriere, so hart sie auch sein mag, als Lebensweg wählen. Hut ab!

opera head

Montag, 14. April 2014

Arabella in Salzburg

Gestern kam auf 3-Sat die Übertragung der "Arabella" aus Salzburg. Ich war deshalb besonders neugierig, weil in der neuen Spielzeit diese Inszenierung mit fast derselben Besetzung in Dresden zu sehen sein wird.

Zunächst mein Gesamteindruck - es hat mich nicht vom Stuhle gerissen, die sonst üblichen kalten Schauer über den Rücken blieben aus. Warum? Ich versuche es zu erklären.

Die Regie war kein Regietheater im Sinne einer Verunstaltung, es war eine originalgetreue Arabella. Im 1. Akt ein der finanziellen Situation der Fam. Waldner angepaßtes zweitklassiges Hotel-Appartement, da gab es nichts zu meckern. Im 2. Akt der Ballsaal war zwar kein Ballsaal, aber das geräumige Hotelfoyer wurde durch geschickte Kulissenverschiebungen zum Ballsaal gemacht. Und der 3. Akt war wieder im reinen Foyer. Trotzdem fehlte etwas, es hat mich nicht berührt. War es die fehlende Treppe, die fehlende gewohnte rote Farbe der Plüschmöbel? Weiß nicht, ich fand es unpersönlich und wenig athmosphärisch.

Die Kostüme waren teilweise sehr schön. Arabella im 1. Akt zweckmößig, Graf Waldner und Frau ebenso, und über Zdenka in Männersachen gab es auch nichts zu meckern. Mandryka paßte optisch gut in seine Rolle. Matteo hätte man etwas anders ausstaffieren können. Im 2. und 3. Akt war das Kleid von Arabella ein echter Hingucker, tolles Kleid. Die ihrer Männerkleider entledigte Zdenka machte allerdings einen etwas platten und bubernen Eindruck. Die Fiakermilli kann man so darstellen.

Gar nicht gefallen hat mir die Positionierung des Männerchores mit militärisch exakt ausgerichteter Aufstellung im 3. Akt. In meinen Augen waren die Herren in Horch und Guck-Pose ohne jede Bewegung zu statisch, ausdruckslos, ohne Emotion.

Also Inszenierung und Kostüme mit Schulnoten waren etwa eine 3, mehr nicht. Ich glaube, beim Schlußapplaus auch vereinzelte Mißfallensrufe gehört zu haben. Ein Buhkonzert gab es aber nicht, das wäre auch unverdient gewesen.

Nun zur Musik. Die Staatskapelle Dresden unter Thielemann machte einen guten Job. Aber ob es an der Übertragung oder an der Akustik lag - es war mir zu trocken, zu wenig der typische Strauß-Streicherklang, den gerade die Dresdener so gut beherrschen.
Gesanglich ist festzustellen, daß Renee Fleming als Arabella etwas Zeit brauchte, um in Form zu kommen. Allerdings war sie im 2. und 3. Akt auf der Höhe und optisch nach wie vor sehr sehenswert. Im Finale war sie das, was ich erwartet hatte - eine große Sängerin. Man kann verstehen, daß Mandryka (Thomas Hampson) sich in diese Frau verguckt hat. Nicht verstehen kann ich allerdings die Hype, die um Hampson gemacht wird. Er hat mir überhaupt nicht gefallen, selbst in Chemnitz habe ich bessere Stimmen erlebt, von Tonaufnahmen ganz zu schweigen. Sicher ist die Partie schwierig, aber das weiß ich doch, wenn ich sie annehme!
Die Zdenka war phantastisch, im Duett "Aber der Richtige.." war sie der Fleming fast überlegen. Daniel Behle als Matteo war gut. Die Fiakermilli sehr gut. Graf Waldner (Albert Dohmen) paßte sehr gut in die Rolle, optisch, auch gesanglich. Der Sänger des Grafen Elemer stand dem Herrn Behle in nichts nach, auch wenn sein Name mir entfallen ist. Alle anderen Sänger waren auf der Bühne ohne nachhaltigen Eindruck.

Alles in Allem eine angenehme Aufführung, mehr nicht. Ich habe sie aufgenommen, aber ob ich sie behalte oder wieder lösche, das weiß ich noch nicht.

Mich würde schon interessieren, ob und wie andere Opernfreunde diese Inszenierung gesehen haben.

U.B.

Freitag, 11. April 2014


Der neue "Lodengrün" an der Wiener Staatsoper - Ein Generalprobenbesuch von Saskia Ellmer


Mikko Franck | Dirigent
Andreas Homoki | Regie
Wolfgang Gussmann | Ausstattung
Franck Evin | Licht
Werner Hintze | Dramaturgie
Thomas Bruner | Bühnenbildmitarbeit
Carl-Christian Andresen | Kostümmitarbeit

Günther Groissböck | Heinrich der Vogler, deutscher König
Klaus Florian Vogt | Lohengrin
Camilla Nylund | Elsa von Brabant
Wolfgang Koch | Friedrich von Telramund, brabantischer Graf
Michaela Martens | Ortrud, seine Gemahlin
Detlef Roth | Der Heerrufer des Königs


Ich möchte vorausschicken, sehr positiv in diese Generalprobe gegangen zu sein, da ich der festen Meinung war, es könnte nicht schlimmer kommen, als die letzte "Inszenierung" von Barrie Kosky war. Nun, ich fand es auch nicht schlimmer, aber anders schlimm. 

Ich fürchte, ich bin ein sehr dummer Mensch, denn ich habe nicht verstanden, was "Lohengrin" im Trachtenverein verloren hat. Es bestehen durchgehend alle Kostüme aus Trachtenkleidern, Dirndln, Trachtenanzügen, Hüten mit Gamsbärten, etc. Dazu "Gretelfrisuren", und ich frage mich wirklich, was z.B. Elsa von Brabant anficht, eine solche zu tragen. Was wollen Andreas Homoki und Wolfgang Gussmann damit ausdrücken? Soll das lustig sein? Macht er sich über die "Deutschtümelei" lustig? Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen. Trachten sind zeitlose Kleidungsstücke, die gerade jetzt wieder sehr modern sind und mit einer etwaigen Gesinnung überhaupt nichts zu tun haben. Das scheinen die Herren in ihrer Regietheater-Ignoranz verschlafen zu haben. 
Verschlafen hätte ich aber beinahe sonst so einiges, da ich mich großteils tödlich gelangweilt habe. Der finnische Dirigent Mikko Franck verschleppt die sonst so spannungsgeladene Musik teilweise bis zur Unkenntlichkeit. Man muss ihm zwar zugute halten, dass er erst so kurzfristig von Bertrand de Billy übernommen hat, ich nehme allerdings an, er hat bereits Erfahrung mit dem Werk, da es ja sonst unverantwortlich wäre, ihn an so einem Haus übernehmen zu lassen. Klaus Florian Vogt in der Titelrolle ist ein sehr erfreulicher Anblick, allerdings endet die Freude hier auch schon wieder. Er ist stimmlich heillos überfordert, ist teilweise kaum zu hören und das, was man hört, ist von Wohlklang leider ziemlich weit entfernt. In den letzten Tagen fiel immer wieder das Wort 'Knabensopran'...Mei, wir wollen es nicht vertiefen. Abschließend zu Herrn Vogt bleibt die Feststellung, dass dieser Sänger allenfalls als Lohengrin-Paradie gemeint sein kann, was aber in Regietehater-Zeiten, in denen keiner mehr was von Stimmen versteht, leider nichts ungewöhnliches wäre.... Camilla Nylund singt und spielt ihn locker an die Wand, besticht durch eine wunderbare Mittellage, sichere Höhen und gibt das gute Gefühl, keinerlei Probleme zu haben. Positiv überrascht hat mich auch Michaela Mertens als Ortrud, der man ein paar kleine Schärfen gerne verzeiht. Unbedingt hervorzuheben ist Günther Groissböck als Heinrich der Vogler, der in diesem Ensemble die Ehre der Herren rettet. Mit prachtvoller, gut geführter Stimme gibt er seiner Figur Konturen und erzeugt spannende Momente, obwohl auch er, wie alle, in ständigem Clinch mit den seltsamen Tempi des Dirigenten lag..

 Zuletzt wollte ich über die Personenführung berichten, alleine, ich konnte keine entdecken. Hätten die Sänger untereinander vereinbart, wie sie sich in der eigenartigen Kulisse bewegen und geben wollen, wäre es wahrscheinlich noch besser und glaubwürdiger geworden. So stolpern sie in Szenen herum, die von wenig Sinn und Verstand zeugen. Es wird mit einem Spielzeugschwänchen herumgespielt, Herr Vogt darf in einem kurzen Nachthemd seine ansehnlichen nackten Beine zeigen und mit Elsa einmal mehr am Boden sitzend Hochzeit feiern. Wie originell....!

 Fazit: die ganze Inszenierung bleibt in einem Wust an langweiligen Banalitäten hängen. Auch musikalisch haben wir schon viel bessere Zeiten in Wien erleben dürfen. Wir haben nun eine weitere Aufführung im Repertoire, deren Besuch man sich getrost sparen kann. Schade, eine weitere vertane Chance.

Donnerstag, 10. April 2014

 TOSCA und der Philo-Quatsch,  Bielefeld 05.04.2014
 Als Präsident des Soojin Moon-Fanclubs war ich gestern in Bielefeld, um deren Tosca zu sehen. 
Oper in Deutschland, das heißt ja wohl unweigerlich: her mit einem Regiekonzept! Das hat sich auch gestern wieder bewahrheitet. Zum Glück hatte ich mich gut vorbereitet (mit einem guten Glas), aber es kam trotzdem ziemlich Dicke.
 Tosca war reduziert zu einer minimalistischen Kammer-Oper, ausgehend von einem Philoso- Qatsch-Konzept von Regisseur Sebastian Bauer, das so hirnrissig und weit hergeholt war, dass ich den zugrundeliegenden Gedanken, soweit den überhaupt jemand gedacht hatte, hier lieber nicht erörtern möchte. Ich glaube, meine deutschen Freunde benutzen dafür das wunderschöne Wort ,voll-idiotisch'.

Einige praktische Konsequenzen des Konzepts waren u.a. (so eine Art) Vissi d’Arte, das schon vor Anfang der Oper zum Besten gegeben wurde (eine Möglichkeit, die Puccini seinerzeit völlig entgangen sein muss), ein Cavaradossi, der begeistert Fernsehgeräte anstreicht, ein Trödler in Fernsehern, der ohne jeden erkenntlichen Grund das Angelus zu beten beginnt, die Aria Vissi d’Arte (gleich die 2. des Abends), die aufgehübscht wird durch eine ,kleine Tosca', die die Mordwaffe bringt, und ein 'E Lucevan Le Stelle', das vom Knarren eines drehenden Podiums begleitet wird. Hinzu kamen noch ein paar alte Bekannte aus dem Fundus der Modernen Regie, etwa die unvermeidlichen Maschinengewehre und ein Saal, der voll in die Scheinwerfer gerückt wird, ein Kunstgriff, der auch schon zum 3027. Mal an uns durchexerziert wird.

Aber zum Glück kamen wir in musikalischer Hinsicht voll und ganz auf unsere Kosten. Obwohl leicht indisponiert, brillierte Soojin Moon in der Titelrolle wieder wie eh und je. Was für eine Persönlichkeit! Auf die Frage ,Was wollt Ihr denn' gibt es für uns somit nur eine Antwort. Auch der Rest der Besetzung, u.a. unser ,eigener' Frank Dolphin Wong aus Holland, der einen sehr guten Scarpia gab, war wirklich in Ordnung. Alles in allem doch noch ein gelungener Abend, besonders als wir dann auch noch die überraschende Entdeckung machten, dass man in Bielefeld auch wirklich sehr gut soupieren kann.
 von Olivier Keegel