Donnerstag, 13. August 2015

Beeindruckender Don Giovanni in Verona

Es ist ja mittlerweile Brauch, dass die Rezensenten fast zwei Drittel ihrer Kritiken für die Inszenierung aufwenden, um die neuesten “Errungenschaften” des Rübenrauschtheaters aka Regietheaters wortreich zu preisen. Dabei handelt es sich wohl kaum um Inszenierungen, die diese Aufmerksamkeit auch nur ansatzweise verdienen. Der Veroneser Don Giovanni in der Inszenierung des Altmeisters Franco Zeffirelli ist allerdings schon eine Menge Aufmerksamkeit wert. Gerade Don Giovanni, der bisher so ziemlich alle nur erdenklichen Regie-Scheußlichkeiten über sich ergehen lassen musste, erhält durch Zeffirelli seine Würde zurück. Ein großartiges Bühnenbild, das einem barocken Palast nachempfunden wurde, aber durch verschiebbare Elemente wandlungsfähig bleibt, bildet die ästhetisch hochwertige Kulisse und gibt der für die Arena eher weniger tauglichen Oper einen prächtigen Hintergrund. Obgleich die Oper im 17. Jahrhundert angesiedelt ist, tut ihr eine Verlegung ins 18.Jahrhundert keinen Abbruch. Erstens hat dies schon in zahlreichen Produktionen vor Zeffirelli stattgefunden, zweitens wurden gerade im 18. Jahrhundert als dem Zeitalter der Aufklärung viele Schauspiele aufgeführt, die mittels des  Don-Juan-Stoffs Libertinage und Hemmungslosigkeit des Adels kritisierten. Drittens ist die Oper so – also wie ein zum Leben erwachtes Genregemälde eines Watteau, Boucher oder Pietro Longhi – auch überaus Arena-tauglich, was unter den gegebenen Umständen sicher nicht ganz unwichtig ist. Die Chorszenen sind an Vielfalt, Farbenreichtum und guter Personenregie kaum zu überbieten; eine stattliche Anzahl von Statisten tut das Übrige, um das quirlige Volkstreiben glaubwürdig darzustellen. Ein wenig stört diese Üppigkeit nur bei der Ankunft Elviras, die Don Giovanni und Leporello nicht allein findet, sondern aus einer Rokokosänfte mitten hinein in eine lebhafte Marktatmosphäre steigt. Dadurch verliert die folgende Szene, in der Masetto und Zerlina von den ausgelassenen Hochzeitsgästen gefeiert werden, ein wenig an Wirkung. Wohltuend ruhig sind die solistischen Szenen gestaltet. Zeffirelli verzichtet bei den musikalisch ohnehin ausreichend anspruchsvollen Arien auf unnötige “Gymnastik”, wie es heute ja gang und gäbe ist, sondern nutzt die Arien als Momente des Innehaltens und der Reflexion der in den Rezitativen vorangebrachten Handlung. Wer das nicht versteht, bezeichnet so etwas schnell als “Langeweile”, aber dann ist auch die Frage, ob man mit so einer Haltung nicht vielleicht doch besser in einen Actionfilm gehen sollte. Die Kostüme von Maurizio Millenotti sind an Detailgenauigkeit, Schönheit und Erlesenheit unerreicht; die originalen Contouchen der Damen sowie die Justeaucorps der Herren scheinen direkt aus einem Modeatelier des 18.Jahrhunderts zu stammen. Sehr treffend sind dann wieder die Bezugnahmen auf das lokale Kolorit, z.B.bei der Mantilla Donna Elviras.
Stefano Montanari dirigierte das souverän spielende Orchester der Arena, allerdings waren seine Tempi teilweise äußerst fragwürdig, besonders in der vorletzten Szene, die ja durch die Erscheinung des Komtur bedrohlich wirken sollte, kam diese Hast gar nicht gut an. Die wunderbare szenische Gestaltung hätte ein viel getrageneres Tempo erforderlich gemacht. Langsam ist sie, die zum Leben erwachte Statue des Komtur, aber ihr Ziel erreicht sie ohnehin, da muss Herr Monatanari nicht noch nachhelfen. Und – ja, es ist heiß. Ja, niemand verlangt, dass der Dirigent in Schlips und Kragen erscheint. Aber Goldkettchen, Lederhose und ein nachthemdähnliches Gewand als Oberteil? Das muss nun wirklich nicht sein, schon gar nicht in diesem Rahmen!!
Die Titelrolle verlangt einen schwarzen, stimmlich gewandten und großvolumigen Bass bzw.Bassbariton. Sicherlich, die Zeiten von Cesare Siepi und Co sind lange vorbei, aber Dalibor Jenis gibt der Rolle nicht das, was sie wirklich verlangt, wenngleich er sie schauspielerisch sehr gut darstellt. Er singt sie, und er singt sie auch schön, aber Don Giovanni ist weit mehr als nur “schön”. Leider wirkt er durch seine eher weiche Stimme viel zu brav, um den Don als den Wüstling darstellen zu können, der er nun einmal ist.
Von Marco Vinco alias Leporello, dem wahrhaft gebeutelten Diener Giovannis, kann man dies noch weniger sagen. Seine Stimme ist für die Arena bei weitem zu klein, vielfach war er kaum zu hören. Ihm fehlt die Durchschlagskraft, und wenngleich der Leporello kein Hunding sein muss, so hat er doch eine große und wichtige Rolle, die ihre stimmliche Entsprechung sucht.
Lyrische Stimmen sind ja schön und gut, aber sie sollten bitte auch in ihren Fächern bleiben und  nicht – wie es heute allzu oft vorkommt – in die dramatischen Rollen schlüpfen. Die Arena ist kein Tonstudio, in dem man aus einem Lüftchen einen Wirbelsturm produzieren kann.
Saimir Pirgu in der Rolle des noblen Don Ottavio war zu Beginn etwas hölzern – sein “Dalla sua pace” geriet etwas angespannt. In den Szenen mit Donna Anna wurde er lockerer, und sein “Il mio tesoro” war ein Hochgenuss mit geläufigen Koloraturen, sehr schönen Piani und müheloser Höhe.
Christian Senn als bedauernswerter Masetto machte seine Sache gut, war jedoch auch ein wenig zu lyrisch.
Die Damengarde konnte mit sehr guten Stimmen aufwarten. Allen voran die unglückliche Elvira alias Daniela Schillaci füllte ihre Rolle hervorragend aus – Zorn, Enttäuschung, Traurigkeit, Angst, Mitleid – all das konnte sie stimmlich und darstellerisch glaubwürdig vermitteln, und das “Mi tradì quell'alma ingrata” war ein Hochgenuss. Dasselbe gilt für Ekaterina Bakanova als Donna Anna. Wer so wunderbar flehen kann, dem bzw. der kann auch kein ungeduldiger Don Ottavio widerstehen. Nach ihrem “Non mi dir” muss er sich kampflos geschlagen geben und jegliche seiner Forderungen zurückstellen.
Natalia Roman war eine spitzbübische Zerlina, und auch sie wusste durch schönen Gesang und viel Charme ihren aufgebrachten zukünftigen Ehegemahl zu beruhigen. “Dieser Sirene kann ich nie widerstehen”, gibt er ehrlich zu, und er wird bestätigt.
Der Commendatore Insung Sim war zu Beginn der Oper ein wenig verhalten, gelangte aber dann in der alles entscheidenden Szene zur Bestform. Schade, dass man seine Stimme durch die überhasteten Tempi des Herrn Maestro nicht genießen konnte. Verdient hätte sie es, und die szenische Gestaltung, die mit all den aus den Gräbern entstiegenen Zombies entfernt an Michael Jacksons “Thriller” erinnert, allemal.

In Verona wurde jedenfalls bewiesen, dass ein “Kostümschinken” wie es von so manch Neunmalklugem, der einfach nur zuviel schlechtes Theater gesehen hat und sich deshalb als "intellektuell" bezeichnet, zuweilen verächtlich bezeichnet wird, packend und bereichernd sein kann. Kunst kommt eben immer noch von Können.

Sonntag, 29. März 2015

Anna Bolena am 24.3.2015 in Zürich
Ich bezweifle, dass Mario del Monaco jemals den Tenorpart in Anna Bolena gesungen hat. Ich habe jedoch keinen Zweifel daran, dass er mit seinem Sohnemann Giancarlo ebenso kurzen Prozess gemacht hätte, wie Henry VIII  mit seiner zweiten Gemahlin Anne Boleyn, wenn er miterlebt hätte, auf welch dämliche bis unprofessionelle Weise dieser bereits im Jahr 2000 in Zürich Donizettis Meisterwerk verunstaltet hat. In einem kerkerartigen Einheitsbühnenbild, das im Übrigen auch im Züricher Roberto Devereux und in der Züricher Maria Stuarda Verwendung fand, sitzt der Chor in Kostümen der Entstehungszeit und kommentiert das Geschehen. Was sich furchtbar intellektuell anhört, ist aber in der Realität nichts anderes, als eine Bankrotterklärung an ein Grundhandwerk, das jeder Regisseur beherrschen sollte: Chorführung. Aber sei`s drum. Mit dem Bühnenbild hätte man ja noch leben können. Bis auf den Baum, der wild durch Annas Gemächer wuchert, waren alle Schauplätze durchaus librettogemäß und atmosphärisch, ja opulent eingerichtet. Was jedoch die Produktion völlig ins Lächerliche zog, waren die stilistisch völlig beliebigen, durcheinander gewürfelten Kostüme, die einer Oper mit klarem historischen Hintergrund, wie es Anna Bolena nun mal ist, jegliche Glaubwürdigkeit nahmen. Henry VIII war einer der interessantesten Monarchen, die je in Europa herrschten und kein Mafiaboss, der mit Spazierstock wedelnd und mit Sonnenbrille auf die Jagd geht. Auch Jane Seymour sah in ihrem roten Kostüm einfach nur lächerlich aus: so mag die Rosalinde aus der Fledermaus aussehen, wenn sie die Feste des Prinzen Orlofski beehrt, aber nicht die Hofdame der Anne Boleyn, ihr purpurner (Hochzeits-) Mantel wirkte wie Eisensteins Bademantel aus selbiger Operette. Der  Hofstaat entsprang eher  einem Kaiserin Sissi-Film und hatte mit der Bolena so viel zu tun wie Astrologie mir Astronomie. Und die Königin? Sie trug ein sehr schönes, aber völlig unpassendes Phantasiekostüm. Aus welcher Epoche sie hinzugebeamt wurde, blieb völlig offen. Nur Klein-Liesbett, die Tochter von Henry und Anne, durfte so auftreten wie man sie kennt: Im roten Renaissance-Kostüm mit Halskrause und roter Perücke. Warum das Kind jedoch ständig wie ein Geist durch die Szenerie tigern und die mit dem König knutschende Giovanna sogar mit dem abgerissen Kopf ihre Puppe bewerfen musste, blieb offen und wirkte bei der sonst eher schauspielerisch zurückhaltenden Produktion einfach nur peinlich.
 Warum man aber dennoch in diese Züricher Vorstellung ging, war das Engagement von Anna Netrebko, die nach ihrem Rollendebut in Wien, die Anna Bolena einige Jahre hatte ruhen lassen  und viel an ihrer Interpretation gefeilt hat. Die Stimme besitzt einerseits die nötige Zartheit, aber gleichwohl auch Höhe und Robustheit, die diese Partie erfordert. Mit wunderbaren Piani, zartenHöhen und perfekten Koloraturen nahm die Primadonna von Anfang an für sich gefangen. Da verzieh man ihr gerne, dass die große Sängerin auf jeden Spitzenschlusston am Ende der Oper verzichtete, der beim Verlassen des Opernhauses sonst häufig noch im Kopf der Besucher nachhallt. Musikalischer Höhepunkt der Oper war so zweifellos das berührende große Duett zwischen Anna und ihrer Rivalin Giovanna, die in der jungen Veronica Simeoni eine fast ebenbürtige Partnerin fand. Simeoni hat einen eher hellen, angenehmen Mezzo, der wunderbar mit dem dunkel-timbrierten Sopran der Netrebko harmonierte. Luca Pisaroni hat einen wunderschönen Bass, der stimmlich keine Wünsche offenliess.  Um dem eiskalten Machtmensch Enrico ein glaubwürdiges Profil zu verleihen, wirkte der Sänger aber über weite Strecken zu jung. Wie sehr hätte man sich gerade diesen Sänger in einem angemessen Kostüm gewünscht. Judith Schmidt überzeugte als Page Smeton mit schlankem Mezzo auf ganzer Linie, während Ismail Jordis Tenor trotz eher dünnem Material mit viel Leidenschaft und schöner Höhe Annas Jugendliebe Lord Percy Charakter verlieh. Das Sängerensemble wurde von Ruben Drole als Lord Rocheford und Yujoong Kim  als Sir Hervey auf hohem Niveau abgerundet. Während der meist in Logen auf der Bühne verbannte Chor von Jürg Hämmerli hervorragend einstudiert war, schlampte das sich mittlerweile aufgeblasen „Philharmonia“ betitelnde Opernhausorchester bereits in der Ouvertüre ganz gewaltig. Dirigent Andrei Yurkevych gelang es – möglichweise vom „Kostümmix“ inspiriert – an diesem Abend nur schwer, zu einer einheitlichen Linie zu finden. Schade, dass Donizettis kunstvolle Instrumentation so vieles von ihrer Wirkung schuldig blieb. Nun denn, sei`s drum. Nach dem völlig austauschbaren Spielplan, den Zürich am Tag nach meinem Besuch veröffentlichte, wird es sicher lange dauern, bis ich da wieder in die Oper gehe. 

Opera head 
 


Mittwoch, 21. Januar 2015

Gestern habe ich London die Premiere von Umberto Giordanos leider viel zu selten gespieltem Andrea Ché nier besucht. Dieses Werk gehört für mich zu den bewegendsten Opern überhaupt, da ist alles dabei was einen zu fesseln vermag. Liebe, Eifersucht, Gewalt, Verrat, aber auch Loyalität und Menschlichkeit - und das vor historischem Hintergrund der französischen Revolution, einer der spannendsten Epochen der Geschichte. David McVicar bringt all das eins zu eins nach dem Libretto auf die Bühne und lässt Giordanos mitreissende Musik für sich sprechen. Robert Jones hat dafür klassizistische Wände nach historischen Architekturstudien gebaut, die in unterschiedlichen Formationen angeordnet, detailliert die unterschiedlichen Schauplätze abbilden: das Schloss des ersten Akts in seiner dekadenten Entrücktheit, ein Café und Strassenzug für den zweiten, das Revolutionstribunal in grausam-realistischer Monumentalität für den dritten, sowie hohe Gefängniswände im vierten Akt. Jenny Tiraminis Kostüme sind ein wahres Fest für die Augen und könnten einem historischen Gemälde entsprungen sein. Der Regisseur nutzt diesen Rahmen um dem Werk zu dienen - nicht mehr und nicht weniger. Genau so soll es meiner Meinung nach sein. Diese Inszenierung könnte man in ihrer Opulenz, Detailliertheit und Menschlichkeit durchaus mit Otto Schenk und seiner berühmten Wiener Inszenierung vergleichen, die nach 30 Jahren immer noch auf dem Spielplan steht, und man kann hoffen, dass diese McVicar Inszenierung ebenso lange erhalten bleibt. Schliesslich werden heutzutage ja viele Neuinszenierungen bereits nach wenigen Aufführungen entsorgt. Jonas Kaufmann hat mich jedoch in der Titelrolle nur eingeschränkt überzeugt. Sein Material ist nach wie vor kraftvoll und schön baritonal eingefärbt. Das ist aber auch alles positive, was ich über diesen Sänger schreiben kann. Die Stimme klingt abgenutzt, undifferenziert und scheint dem Dauerforte verpflichtet. Auch die "kloßige Intonation", die bei Kaufmann schon immer störte, scheint sich eher zu verschlechtern, zusätzlich bahnen sich neuerdings Registerbrüche an. Kaufmann ist ein "Allessinger", und das hört man mittlerweile deutlich. Auch sein Spiel war bei der Premiere kühl und stocksteif - aber solange ihn seine treu ergebenen Fans in alle Vorstellungen hinterher reisen und fast militant bejubeln, wird uns dieser Sänger erhalten bleiben. Aber vielleicht bin ich ja taub. Weshalb der Abend dennoch musikalisch lohnend war, waren Eva-Maria Westbroek als Maddalena und Zeljko Lucic als Gérard. Westbroeks üppiger Sopran nahm mit warmen Bögen von Anfang an gefangen, schöne Höhen und Piani begeisterten rundum. Erschütternd gestaltete die Sängerin das zentrale "La Mamma Morta" und dominierte die Bühne im Schlussduett. Lucic singt den Gérard vielleicht etwas grobschlächtig, aber sein warmer angenehmer Bariton gewinnt im Laufe des Abends, der Sänger gewinnt im dritten grosse, fesselnde Intensität, gerade im Zusammenspiel mit Eva-Maria Westbroek. Von den zahlreichen Nebenrollen müssen vor allem Rosalind Plowright als Contessa di Coigny, Denise Graves als Bersi und Elena Zilio als Madelon positiv erwähnt werden, die ihre kurzen Auftritte zu Ereignissen gestalteten. Nicht dem Niveau des Royal Opera Houses entsprechend war dagegen der dünnstimmige Carlo Bosi als Incroyable. Der Chor sang seinen anspruchsvollen Part auf höchstem Niveau und das Orchester des Royal Opera Houses unter Antonio Pappano spielte rundum grossartig. Der Dirigent fand stets die richtige Balance zwischen sängerfreundlich und spannend, ausserdem waren viele Details wunderbar herausgearbeitet. Am Ende gab es grossen Applaus für die Sänger und das Regieteam. Gerne würde ich diese Inszenierung noch einmal sehen - dann allerdings mit einem anderen Titelhelden !

opera head 

Samstag, 27. Dezember 2014

La Bohème in Lübeck

Als melancholische „Winteroper“ eignet sich La Bohème wohl nicht nur durch ihren tragischen Inhalt, sondern die allgegenwärtige Präsenz von Schnee, Eis und Kälte. So war es denn wohl auch kein Zufall, dass das schöne Lübecker Jugendstiltheater am 2. Weihnachtsfeiertag nahezu vollbesetzt eine interessante und stellenweise hervorragend besetzte Aufführung der Oper erlebte.

Allerdings hatte man es wohl versäumt, Roman Brogli-Sacher darauf aufmerksam zu machen, dass es sich bei einer Oper um Vokalmusik handelt und das Orchester der BEGLEITUNG dienen sollte. Wem es Freude macht, Loriot-Gedächtnis-Wettbewerben à la „Ich kann lauter/länger....etc. als Sie“ zwischen Sängern und Dirigenten beizuwohnen, der wäre wohl gestern voll auf seine Kosten gekommen; aber jemand, dem es leid um schöne Stimmen tut, und der nicht gekommen ist, um eine Sinfonie mit Gesangsbeilage, sondern Oper zu erleben, der hat an Brogli-Sachers Dirigat wohl kaum Freude haben können. Natürlich ist Puccinis unsterbliche Musik leidenschaftlich und feurig, aber sie ist auch innig, zart und verträumt – und das ließ das Orchester sehr vermissen.

Die britische Sopranistin Anna Patalong verlieh der Mimì mit ihrer warm timbrierten, vollen und zugleich weichen Stimme genau das, was diese Rolle braucht. „Mi chiamano Mimì“ gelang ihr mit Charme und Liebenswürdigkeit und das „Donde lieta uscì“ melancholisch und rührend, ohne jemals ins Sentimentale und Aufgesetzte abzugleiten, was übrigens auch für die wunderbar gesungene und gespielte Sterbeszene galt.

Ein reizvoller Kontrast dazu war die hinreißende Musette von Evmorfia Metaxaki. Besser gesungen wird man die leichtlebige, ihren Vorteil gut zu nutzen wissende Künstlerfreundin wohl an größeren Häusern auch nicht zu hören bekommen. Das „Quando m'en vo“ entfaltete nicht nur dank ihrer voluminösen, sinnlichen Stimme, die mit dem bedrohlich lauten Orchester mühelos konkurrieren konnte, sondern auch aufgrund ihrer darstellerischen Fertigkeiten seine Wirkung. Schade, dass die Inszenierung gerade beim Musettewalzer so viel verschenkt hat.

Der italienische Tenor Gabriele Mangione in der Rolle des träumerischen Poeten Rodolfo hat ein stimmliches Material, von dem viele „Stars“ sich gerne etwas abzwacken würden, doch leider scheint er damit nicht richtig umgehen zu können. Fantastische Höhen sind das Eine, aber mangelnde stilistische Grundkenntnisse können dadurch nicht wettgemacht werden. Unruhige Phrasierung, zeratmete Phrasen, kein ausreichendes Legato – da gäbe es noch einiges zu tun. Es bleibt zu hoffen, dass der noch junge Sänger diese Lücken schließen kann, denn dann wäre er bei einem solchen tenoral-strahlenden Volumen ein echter Geheimtip, und zwar nicht nur als Rodolfo.

Gerard Quinn in der Rolle des Marcello ist ein altgedientes „Schlachtroß“ des Lübecker Ensembles, der seinen vollen, wohl timbrierten Bariton hier in vielen Rollen erfolgreich präsentiert hat. Die Höhe ist immer noch wunderbar, aber die Mittellage ist doch im Laufe der Jahre ein wenig grau geworden. Sein unglücklich liebender Marcello war dennoch sehr ordentlich und solide gesungen und gespielt.

Johan Hyunbong Choi (Schaunard) und Taras Konoshchenko (Colline) vervollständigten das Künstlerquartett mit kraftvollem, üppigen Gesang und waren auch darstellerisch äußerst überzeugend.

Paolo Micchichè hat bei der Inszenierung bewusst auf ebenso überflüssige, wie aber heute nahezu unvermeidliche Aktualisierungen verzichtet und zur Abwechslung einmal dem Libretto vertraut, was an den projizierten Bühnenbildern nach Entwürfen der Uraufführung der Oper als auch an den Kostümen sofort klar wurde – wobei man auf die zwei modernen Zitate in Form von Marcellos pelzbesetztem Parka im zweiten Akt sowie Rodolfos Lederblouson im dritten Akt sehr gern hätte verzichten können; derlei tut absolut nicht not und fällt aus dem ansonsten äußerst stimmig dargestellten 19.Jahrhundert heraus. Künstlermansarde, Café Momus und Barrière d'Enfer waren als Projektionen zu sehen und bildeten einen durch die Zweidimensionalität wenn auch ungewohnten, aber doch ausreichenden Rahmen zum Geschehen auf der Bühne. Ebenfalls positiv zu erwähnen ist die Lichtregie, die mangels Können von vielen Regie-Zwangsbeglückern heute eher stiefmütterlich behandelt wird. Verfolger kamen dabei ebenso zum Einsatz wie ein sehr stimmungsvolles Blau zum „O soave fanciulla“. Das in „oben“ und „unten“ unterteilte Bühnenbild im zweiten Akt ist nicht neu, aber es genügt nicht, wenn das Künstlerquartett auf der unteren Ebene mit Musette und Alcindoro quasi als Kammerspiel allein interagiert, während das Pariser Volk auf der oberen Ebene lustwandelt, Spielzeug und Süßigkeiten erwirbt und das französische Militär preist. Musette hatte keine Gelegenheit, mit ihren Arie junge und alte Passanten, Soldaten und Schaulustige zu betören und durch ihren frivolen Auftritt Marcello somit vollends zum Rasen zu bringen. Ihr blieb nur die Bezugnahme auf ihren gänzlich überforderten, ältlichen (obwohl hier leider gar nicht so lächerlich-ältlich wirkenden) Liebhaber Alcindoro, was auf die Dauer dann doch ein wenig eintönig wirkte.
Im vierten Akt sind Piccichè dann wohl die Ideen ausgegangen, denn die Projektion des zumal sehr unansehnlichen Madonnenbilds ( eine verworfene, frühere Skizze Marcellos??), das wie ein unattraktiver Todesengel über den Szenerie thronte, hatte mit der Mansarde und auch der Szene nichts mehr zu tun. Auch der Gedanke, die Bühne bei den letzten Takten der Oper in gleißendes Licht zu tauchen und somit eine sterile Krankenhausatmosphäre zu schaffen, ging an Musik und Text vorbei.
Dennoch – angesichts dessen, was man heute an großen wie an kleinen Häusern in punkto „Neuinszenierung“ so vorgesetzt bekommt, muss sich Lübeck mit dieser Produktion keineswegs verstecken, zumal das sängerische Niveau größtenteils sehr hoch ist. 


Weitere Infos hier:  http://www.theaterluebeck.de/index.php?seid=11&St_ID=699

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Luisa Miller in  Zürich - WIEDERAUFNAHME

Ich verbinde oft das Geschäftliche  mit meinen Hobbies, und da  ich viel herumreise, komme ich weltweit  in den Genuss vieler Opern. Jetzt war Zürich an der Reihe. Noch nie zuvor war ich in Luisa Miller. Zürich ist ein stilvolles Haus und elegantes Publikum, aber es war  nicht ausverkauft. Es wurde phantastisch gesungen, die Inszenierung war wie so oft schlecht.

 Elena Mosuc ist eine phantastische Luisa. Glockenheller Klang, tolle Höhen, sehr virtuos, man kann sie gut und gerne mit ihren großen Vorgängerinnen in dieser Rolle vergleichen. Leo Nucci als ihr Vater war ein Traum. Klar ist er nicht mehr jung, aber die Stimme ist intakt und klingt sehr frisch. Die Technik ist vorbildlich, er weiss wie man bei einer so lange Karriere pfleglich mit der Stimme umgehen muss.  Ausserdem bringt er viel Persönlichkeit mit, was man bei vielen jungen Sängern vergeblich sucht. Ivan Magri war ein wunderbarer Rodolfo mit  schöner Höhe, viel Gefühl,  weichem Timbre und italienischem Temperament. Bravo! Vitali Kowaljow war ein Ehrfurcht gebietender, grausamer Walter mit grossem schwarzen Fundament und Wanwei Zhang ein herrlich böser Wurm, toll gespielt und gesungen. Die Federica von Judith Schmidt hat auch alle Anforderungen erfüllt, eine noble verletzliche Frau. Ein Highlight war das  berühmte Quartett. Leider war das Orchester sehr schlecht. Schon die Ostinati-Stellen der Ouverture waren  ungenau gespielt,  auch die Holzbläser hatten wohl einen  schwarzenTag. Carlo Rizzi war überfordert  und oft einige Takte hinter den Sängern. 

Die Regie hatte der Italiener Damiano Michieletto geführt, die Bühne stammt von  Paolo Fantin, für die Kostüme zeichnete  Carla Teti verantwortlich.  Die gute Nachricht: Es spielte im 18 Jahrhundert, und man musste nicht kotzen . Die schlechte: Es wurde mir fast schwindelig von dem sinnlosen und nervigen Einsatz  der Drehbühne auf dem hässlichen Entwurf. Die Solisten trugen zwar  herrliche authentische Kostüme, der Chor war allerdings einmal wieder nur grau in grau und glich Fabrikarbeitern. Niemals würde eine Dame wie Federica von solch einem heruntergekommenen Gefolge begleitet werden. Und dann gab es da auch noch Kinder: Luisa und Rodolfo als Kinder, als die Welt noch heil war. Dass der kleine Rodolfo sich in Unterwäsche im Bett wälzt, hat sicher den pädophilen Anteil des Publikums gefreut, ich fand es allerdings sehr peinlich. Aber im Vergleich zu dieser Regie habe ich in meinem Leben  noch viel, viel  schlimmeres gesehen,  und alleine wegen der Solisten war es einen Besuch wert :-) . 

Am Ende gab viel Applaus. Dann bis zum nächsten Opernabend!
A.S.

Montag, 1. September 2014

Verdi, Rigoletto, 2013, Klassi Festival Schloss Kirchstetten, Weinviertel, Österreich
Ein Abend beim KlassikFestival Kirchstetten

„literarische Kritik“ von Alexandra Zumoberhaus
Man kann sehr unterschiedliche Zugänge zu den diversen Sommer-Festivals haben.
Mein Opernabend (Verdi´s „Rigoletto“ im Schloss Kirchstetten) beginnt mit der Auto-Anreise von Wien und ich geniesse bei schönem und mildem Sommerwetter die herrliche Landschaft des Weinviertels. In Kirchstetten angekommen lohnt es sich, den „Schloss-Heurigen“ zu besuchen, denn das Preis-Leistungsverhältnis lässt wirklich nicht zu wünschen übrig; unsere Gläser sind gefüllt, die Teller versprechen optisch so viel, wie sich dann auch der Gaumen erfreuen lässt: kurz, es ist ein genüsslicher Auftakt zu einer Opernaufführung.
Was erwartet mich? Als Operntraditionalistin habe ich mich gut informiert und weiss, dass „Oper im Taschenformat“ mir keine opulent-historischen Bühnenbilder und Kostüme bescheren wird! Was erwartet mich also wirklich im Maulpertschsaal, der nur eine 20 qm grosse „Bühne“(in diesem Fall ein Podest, ein minimal reduziertes Orchester und Platz für nicht einmal 200 Zuschauer (und –hörer, hoffentlich!) bietet?
Darauf lasse ich mich mit Spannung und grosser Vorfreude ein.
Und meine Vorfreude wird auch nicht enttäuscht!
Zuerst aber darf ich aus erster Hand erfahren, dass die Sängerin und Darstellerin der „Gilda“ erkrankt ist, dass aber auch Ersatz gefunden wurde mit einer 26jährigen ungarischen Sopranistin. Die „Ur-Gilda“ werde spielen, der Ersatz werde singen.
Na, da bin ich aber gespannt….
Eine wirklich grosse Leistung scheint mir die Arbeit des Dirigenten, Hooman Kahlatbari ,der die Partitur Verdi´s auf ein wirklich superkleines Orchester zusammen“stutzte“. Ein Orchester, das trotzdem den Klang der Verdi´schen Oper widergeben kann. Einzig die Verwendung des Pianos ist mir schleierhaft und halte ich für überflüssig.
Dass ich in ein Drama hineingesogen werde wird gleich schon zu Beginn klar, denn schwarzer Tüll – Trauerflor- und Kerzenlicht geleiten mich die Stufen hinauf in den Maulpertschsaal. Die Stimmung, die beim Eingang herrscht, ist ein Willkommen in der Gesellschaft des „Duca di Mantova“, denn einige Höflinge lungern herum, einigen Damen wird ein rotes Band um den Arm gelegt: Mitgliedszeichen dieser verkommen-oberflächlichen Gesellschaft, die nur den Genuss im Sinne hat.
Die kleine Bühne ist spartanisch hergerichtet: schwarzer Tüll beherrscht die Szene, die Höflinge erwarten uns in vorwiegendem Grau – so viel Lebensfreude, wie die Musik uns suggeriert – ist da nicht vorhanden: die Tragödie beginnt schon ganz am Anfang und zieht mich auch gleich in den Bann. Rechte Freude will nicht aufkommen: die Hofgesellschaft erscheint oberflächlich und gemein – ein toller Regieeinfall!
Schon ab den ersten Takten der Musik – in der ersten Szene, wo es erhebliche Taktschwierigkeiten zwischen Orchester und Sänger gibt (und ich zolle der Schwierigkeit des injdirekten Sichtkontaktes zwischen Dirigent und Sängern höchste Vollachtung) - bin ich mitten in der Handlung, lässt doch der Regisseur, Csaba Nemedi, den ganzen Raum bespielen. Der Herzog küsst Damen im Publikum die Hand, die Protagonisten erscheinen und verschwinden durch die Türen links und rechts des Saales: eine wirklich gelungene Art, mich gleich ins Geschehen hineinzuziehen.
Ein erster Höhepunkt ist das Auftreten Monterones, ein zumindest optisch extrem junger Bass, Gelu Dobrea, der mit Stentorstimme die Ehre seiner Tochter reklamiert und Rigoletto, der sein körperliches Handicap in dieser Inszenierung per Krücke und Hinken darstellt, verflucht. Als „Signor Maledizione“ wird der Bass denn auch vorgestellt und zieht sich durch die Doppelrolle Monterones und des Auftragsmörders Sparafucile unheilvoll durch den ganzen Abend.
Gleich in dieser ersten Szene am Hof des Duca, zeigt sich, was für mich den ganzen Abend eines der Highlights sein sollte: ein Mini-Chor, der stimmlich und durch tolle Personenregie ganz stark zum für mich gelungenen Abend beiträgt! Ein grosses Lob an den Chorleiter: hier war die Musik auf den Punkt, die Diktion eine exzellente, die Personen-/Gruppenregie besonders gelungen!
Das erste Auftreten von Gilda wird durch die Ankündigung, dass sie krankheitshalber nur spielen könne, mit Spannung erwartet. Maria Taytakova, die optisch schlank und blond der Gilda wirklich schön entspricht, spielt mit so viel berührender Intensität, dass es einem im Herzen weh tut, sie nicht singen zu hören. Wie sie, blind vor Liebe sich über die Bühne tastet: auch dies eine sehr berührende Idee des Regisseurs.
Es sind dies genau die kleinen Gesten und „kleinen“ Einfälle des Regisseurs, Csaba Nemedi, die die Aufführug kostbar machen: das „All-inklusive-Band“, das zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft des Duca macht (und das sich Gilda zu gegebener Zeit auch vom Arme reisst!), die gelangweilte Hofgesellschaft (während des Herzog´s stretta – na gut, er nimmt sich halt wieder mal eine Frau; was geht es uns an?), das Zusammenziehen Monterones und Sparafuciles auf einen Signor MALEDIZIONE, die Darstellung einer Signora Destino – Gräfin Ceprano, Page und die Dienerin (aber doch Kupplerin) Giovanna – das macht das Drama doch sehr lebendig! Grosses Lob gebührt der Personenregie beim kleinen Chor der Höflinge: für mich waren dies die packendsten Szenen.
„Rigoletto“ als sehr persönliche und intime Tragödie darzustellen ist nachvollziehbar und falls der Regisseur diese Absicht hatte, ist sie bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen!
Zum Musikalischen:
gleich in der ersten Szene gab es einige Schwierigkeiten, was die Tempi betraf – doch legte sich das sehr schnell wieder und ich führe es auf die schwierige Situation zurück, dass der Dirigent mit dem Rücken zu den Sängern stand. Noch einmal: ein grosses Lob für den Dirigenten, dem es gelungen ist, die Partitur auf ein Mini-Orchester zusammenzustutzen, ohne dass uns Verdi verloren ging! Bravo! Wie gesagt, ist meiner Meinung nach das Piano überflüssig- manchmal war es für mich störend.
Hooman Khalatbari hatte sein Orchester in festem Griff – sein funkelndes Auge nach einem bösen Streicher-Patzer sprach Bände, hatte aber durchaus Charme. Es war ein Dirigat, das die Sänger unterstützte: eine seltene Angelegenheit heutzutage!! Dies möchte ich doch sehr wohl erwähnen!
Nicht genug Lob kann ich für den Chor aussprechen: nicht nur, dass die Chorszenen die packendsten waren (dies ist wohl eher Verdienst des sensiblen Regisseurs Csaba Nemedi), hier war Textverständlichkeit einfach gross geschrieben. Grosses Lob deswegen auch an den Chorleiter!
Mit der Verpflichtung des Baritons Jan Durco hat die Festspielleitung einen Sänger gewonnen, der zwar zwischendurch an die Grenzen gestossen ist (nicht positiv bewerte ich das Singen einiger Phrasen als Vokalisen) ,der aber in seiner Darstellung als verfluchter und liebender Vater von Szene zu Szene wächst und glaubwürdig uns jenen Schmerz vermittelt, der in der Schluss-Szene seinen tragischen Höhepunkt findet. Besonders packend war die Szene mit den Höflingen („Cortiggiani, vil razza dannata“).
Eine kleine Enttäuschung war für mich der Herzog, Gergely Boncer, der zwar vermutlich über ein adäquates Material verfügt, aber seine Rolle von A-Z durchgebrüllt hat. So sehr ich bewundert habe, wie der Regisseur den Herzog in die Nebenrolle, die er eigentlich ist, gesetzt hat, so sehr enttäuschte es mich, dass der Tenor jede Arie, das Duett und das Quartett mit der selben vokalen Vehemenz von sich gab. Keine Frage, Herr Boncer traf meist seine Töne – aber der Herzog hat ja doch auch seine lyrischen, zärtlichen Töne (etwa als Verführer im Duett oder bei „Parmi veder le lagrime“)- die waren leider nicht vorhanden. Was ich hingegen lobend erwähnen möchte ist seine Bühnenpräsenz, denn als schlank-gutaussehender Tenor war er als Duca zumindest optisch wohl für viele ein Genuss.
Highlight des Abends waren für mich hingegen die Damen: ganz schön Jaroslava Pepper als sehr schlanke Maddalena, die dem berühmten Quartett zu schönem Ton verhalf und einfach wirklich grandios die beiden Gildas. Dass es Olga Taytakova aufgrund ihrer Krankheit versagt war zu singen, war sicherlich nicht angenehm. Sie hat überaus berührend und sehr engagiert stumm gespielt und mich mehrere Male fast zu Tränengerührt.
Highlight war für mich allerdings die 26jährige ungarische Sängerin der Gilda Zita Szemere! Sie sang die unglückliche Protagonistin für mich einfach ganz perfekt: ich hörte schon, dass Olga Taytakova die „dunklere“ und dramatischere Stimme habe; diese Gilda hat aber das Mädchen, dann auch die (trotzdem ihr Gewalt angetan wurde!) verliebte, ja, liebende Frau stimmlich grandios verkörpert. Dass die junge Sängerin die ganze Zeit vom Orchester aus SITZEND ihre Partie bewältigt hat (und ich weiss aus eigener Erfahrung, wie sich singen im Sitzen anfühlt) lässt mich ganz tief den Hut ziehen vor dieser Leistung. Irgendwie hat es diese junge Sängerin geschafft, dass „Rigoletto“ zu „Gilda“ wurde; für mich war dieses Drama der sich selbst opfernden liebenden Frau berührend genug, einen wunderbaren Abend zu erleben.
Fazit: in diesem räumlich beschränkten Rahmen einen Rigoletto aufzuführen: dafür kann ich nur dem Regieteam und der musikalischen Leitung ein Lob aussprechen.
Kirchstetten lohnt sich! Ich freue mich sehr auf die Produktion des kommenden Jahres.

© Quelle: Mag. Alexandra Zumoberhaus / Hintermayer MUSIK

„Le donne di Giovanni“ oder „Les jeux sont (pas) faits“
Ein Bericht zur Don Giovanni-Aufführung vom 16. 8.2014 beim Klassikfestival Schloss Kirchstetten

Dies ist keine Rezension, wie man sie von Kritikern kennt – da müsste ich mich ja kurz fassen. Dies ist ein Erfahrungsbericht nach einem beglückenden Opernabend!
Oper im Schloss Kirchstetten bedeutet mancherlei: es ist eines der kleinen, feinen Sommerfestivals, derer es so viele in Niederösterreich gibt. Die Anfahrt von Wien aus ist ein Vergnügen für die Beifahrerin, denn die Gegend ist halt herrlich; schönes Weinviertel. Wir fahren unter mehreren Wolkenbrüchen durch und ich sehe den grössten und schönsten Regenbogen meines Lebens. Was für ein Auftakt! Kirchstetten heisst auch, dass man früh genug vor Ort sein sollte, denn der Schloss-Heurige ist mehr als empfehlenswert und wir gehen ganz gut gestärkt zur Oper. Es ist eine Opernaufführung im herrlichen Maulpertsch-Saal des Schlosses. 160 Leute finden in hier Platz und ja: es ist Oper hautnah, es ist das kleinste Opernhaus Österreichs, wo es schon einmal vorkommt, dass ein Sänger plötzlich neben einem steht und man ins Geschehen gesogen wird, aus dem es kein Entrinnen gibt. Doch der Reihe nach. 
Hier wird grosse Oper für eine kleine Bühne adaptiert. In der Tat gibt es hier gar keine Bühne, sondern ein Podest, heuer in Form eines sehr lang gezogenen U. Dies und sicher auch das nicht sehr grosse Budget dieses empfehlenswerten Festivals sorgen auch dafür, dass ohne klassisches Bühnenbild gearbeitet werden muss. Keine Kulissen. Hier zählt der Sänger, einige Requisiten und ein geniales Konzept des Regisseurs, das dafür sorgt, die Oper fühlbar zu machen. Hier wird ein Gesamtkunstwerk an einem Abend erschaffen, denn das Thema des Abends wird auf dem Weg in den Saal erlebbar: auf den wie immer mit Kerzenlicht erleuchteten Treppenstufen sind Spielkarten verstreut. Wir kommen auch an mehreren Spieltischen vorbei und den Sängern wird doch auch viel Arbeit abverlangt, wenn sie wie Donna Elvira schon in Kostüm und Maske so lange vor dem Auftritt an einem Tisch sitzen und Karten legen. Und immer schön „unnahbar und unansprechbar“ sein…. Hier muss ein Regisseur die Musik kennen, das libretto verstehen, von Gesang etwas verstehen. Hier kann nur so gearbeitet werden, dass die Quintessenz des Werkes erarbeitet und sichtbar gemacht wird.
Wieder gelingt dies dem Regisseur Csaba Némedi in ganz vortrefflicher Weise. Es wird schnell klar, dass sich hier jemand mit dem Werk umfassend und liebevoll auseinandergesetzt hat und das Resultat kann sich wahrlich sehen lassen. Zum ersten Mal erlebe ich einen „Giovanni“, der wirklich das dramma giocoso ist, als das Mozart und sein librettist da Ponte es geschaffen haben. Es IST eine Tragikkomödie, denn sowohl das Drama, als auch die burlesken Szenen sind fein und Gänsehaut-erzeugend herausgearbeitet.
Die Requisiten sind wie immer wenige, aber aussagekräftig: Hier findet ein Spiel statt. Ein Spiel zwischen heiter und tragisch. Ein Spiel eines Puppenspielers, Don Giovanni, der scheinbar seine Opfer wie Marionetten steuert. Oder vielleicht auch umgekehrt? Werden die Opfer das Spiel aufnehmen und mitspielen? Es vielleicht wenden? Némedi lässt mit überdimensionalen Spielkarten Wände und Mauern errichten, die die Unmöglichkeit, Gebäude auf das Bühnenpodest zu stellen, gut ersetzt. Spielwürfel dienen als Sitzgelegenheit, als Tische, als Wurfgeschosse, ja auch als „Waffe“, um Leporello, der nach seinem getarnten Techtelmechtel mit Elvira auffliegt, einzumauern. Da wird mit diesen wenigen Requisiten gespielt, dass es eine Freude ist! Die Spielkarten – ja, die Spielkarten sind nicht ohne. Denn die drei Königinnen/Damen sind durchaus auch noch ein bisschen aufgehübscht worden mit floralem Design. Da meine ich einen Frühling, einen Sommer und einen Herbst zu erkennen. Die drei Frauencharaktere? Haben wir hier eine Vergangenheit; Donna Elvira, die vergangen und (über)reif ist? Eine Donna Anna, eine Gegenwart in voller Pracht? Eine Zerlina in zarter Blüte, zukünftiges Vergnügen?
Was ist es mit diesen drei Frauen? Lassen sie mit sich spielen oder spielen SIE am Ende gar?
Ja, es ist wahr: so sehr Giovanni mit den Frauen spielt, so sehr übernehmen auch sie das Spiel und wenn zum Schluss die drei Frauen – begleitet von der Stimme des unsichtbaren Komturs – Giovanni am Marionettenband seinem Ende zuführen, so wird klar, wer hier dann letztlich doch das Rad am Laufen hält. Es sind die Frauen. Es sind auch die Frauen, die die Farbtupfer in dieser Aufführung sind: Elvira in patiniertem Gold beim ersten Auftritt und dann in leuchtenden Blautönen, die der Sängerin mit ihren blonden Haaren unwahrscheinlich schmeicheln und trotzdem ganz dramatisch wirken. Zerlina mit einem Hochzeitskleid in crème, das mehr als sexy ist und anschliessend im crèmefarbenen Spitzenkleid, in dem sie dermassen knackig wirkt, dass vermutlich viele Zuschauer gern Giovanni wären. Anna hingegen in Rottönen und hier ist für mich ein ganz dramatischer, spannender und gelungener Aspekt von Némedi und seiner begabten Kostümbildnerin, Gianpiera Bühlmann, sichtbar: beim ersten Auftritt noch im zartrosa Negligé, wird das Rot für die nächsten Auftritte kräftiger, bis Anna zum Schluss ihre Rache vollendet und wie Blut und Feuer und Leidenschaft wirkt! Toll! Die Herren hingegen sind offenbar nicht wirklich die „Herren der Schöpfung“. Ein bisschen fad sind sie, diese tollen Hechte, die Bestimmer, Macher, Macker und Machos: Weiss, écru, crème sind ihre Farben und die Herren sind austauschbar, man kann sie leicht verwechseln; Leporello und Giovanni müssen sich bei ihrem Rollentausch nicht so anstrengen. Ein bisschen fad sind sie und sie brauchen offensichtlich einen bunten Gegenpart, eben diese Frauen in Farbe…Einzig Giovanni darf im ersten Auftritt, passend zum nächtlichen Überfall schwarz gewandet sein, und für den Mittelteil einen sehr schönen (wenn auch wieder hellen), schimmernden Anzug tragen mit lindgrünem Hemd, das den dunklen Haaren des Sängers sehr schmeichelt.
Es sind die kleinen, feinen herausgearbeiteten Details, die mich an Némedi’s Arbeit immer wieder faszinieren. Seine Personenregie ist grosse Klasse! Da wird gespielt in jeder Sekunde, da ist Drama und Komödie. Kein Augenlick fadesse – Spannung und Vergnügen in absolut jeder Sekunde! Dem Regisseur ist es gelungen, die Sänger zum Spielen zu bringen, auch wenn sie NICHT singen. Und zwei ganz besonders, haben das hinreissend umgesetzt!!
Womit wir bei den Sängern und bei der Musik wären…
Mehr als uneingeschränktes Lob für Hooman Khalatbari und sein Mini-Orchester! 2 Fagotte, 1 Klarinette, 1 Oboe, 1 Querflöte, 1 Cello, 1 Bass, 1 Klavier, 2 Violinen und 1 Viola, wenn mich nichts täuscht. Auf jeden Fall hat Maestro Khalatbari die Partitur wieder auf ein elfköpfiges Ensemble gearbeitet. Ganz grossartig!! Bravo Bravo! Und was für ein Orchester! Junge Musiker, die offenbar Meister ihres Fachs sind. Die musikalische Leistung des Orchesters ist nicht genug zu loben! Und einen Sonderpunkt für den elegantesten Auftritt des Maestros am Pult (chapeau für den Geschmack in der Kleiderwahl!!!), der im Übrigen HINTER dem Bühnenpodest und den Sängern steht! Und hier hat man gehört, wie grossartig geprobt wurde! Kompliment.
Und somit sind wir bei der Musik gelandet und bei den Sängern.
Uneingeschränktes und grosses Lob gibt es von mir für die drei Damen. Alexandra Vogrin sang eine bewegende Elvira, glaubhaft in jedem Moment, mit schön geführtem und sicherem Sopran. Und sie spielte in der Schluss-Szene so bewegend, dass ich dreimal schlucken musste. Donna Anna wurde von Rodica Vica gesungen, die über einen strahlenden Sopran verfügt und ihre Einzelarien zu einem Höhepunkt des Abends für mich werden liess. Bravourös. Bitte mehr davon. Wir dürfen gespannt die Karriere dieser Sängerin verfolgen. Auch sie spielte absolut hinreissend (Danke an den Regisseur!): ihr letzter Auftritt als personifizierte Rache! Dieser stolze Blick, die Haltung,– das war Gänsehaut pur!
Absolut gespannt war ich auf die junge Sopranistin Lenka Pavlovič, die relativ kurzfristig einspringen musste/durfte. Und ich wurde nicht enttäuscht: die sehr junge Sängerin bringt eine wunderschöne Stimme, gepaart mit sehr guter Technik und dermassen grosser Spielfreude und mit so grossem Talent auf die Bühne! Eine Freude für Ohr und Auge. Dass die junge Sängerin auch noch mit Schönheit gesegnet ist – da kann sie nichts dafür. Aber der Rolle hat es nicht geschadet. Und wenn ich in einer Kritik gelesen habe „entzückende, naive Zerlina“: diese Zerlina war alles andere als naiv; die hatte es faustdick hinter den Ohren – ganz grandios; sowohl die Arbeit des Regisseurs an der Rolle als auch die Umsetzung durch die Sängerin.
Etwas durchwachsener schaut es bei mir bei den Herren aus.
Ungeteiltes Lob kann ich nur Masetto/Comtur, Dobrea Gelu aussprechen. Gesanglich war er ohne Fehl und Tadel – im Gegenteil hat er den Masetto wunderbar gesungen- und er hat gespielt. Und wie er gespielt hat! Jede Sekunde, die er auf der Bühne sein musste, war er in der Rolle, im Stück. Ganz ganz toll. Wie sein Gesicht dahingeschmolzen ist während seine Zerlina „Vedrai carino“ sang – das war vom Feinsten. Hoffentlich haben das andere auch gesehen. Manchmal liegt im Kleinen was ganz Grosses und „Nebenrollen“ so schön zu besetzen ist ein gutes Zeichen für die künstlerische Leitung dieser Produktion.
Ähnlich verhält es sich beim Leporello des polnischen Basses Leszek Solarski. Grandioses Spiel und gerechtfertigter Publikumsliebling. Némedi sei Dank, dass er seinen Leporello nicht wie den Salzburger Leporello heuer als idiotischen Volltrottel durch die Szenen stolpern lässt. Leporello IST kein Trottel. Der schaut schon auf sich und er durchschaut so manches. Feinst gespielt, bis ins Detail entsprechender Mimik. Stimmlich denke ich, dass da noch mehr geht. Meiner Meinung nach sollte Solarski an seinen italienischen „a“ und „o“ arbeiten. Dann bekommt der Ton grad nochmals einen anderen Klang. Ansonsten tadellos. Erfreulich natürlich auch, einen wirklich schönen Leporello, gross und schlank, mit langen Haaren auf der Bühne zu erleben. Die Verwechslungsszene wurde dadurch schon viel glaubhafter!
Der ecuadorianische Tenor Xavier Rivadeneira verfügt ganz zweifellos über ein sehr schönes Material. Wenn mich meine Ohren nicht getäuscht haben ist er ein lirico spinto. Und genau da hatte ich meine Einwände: in den Ensembles war das spinto genial, in seiner Arie war mir das lirico zu wenig. Auf jeden Fall eine sehr solide und schöne Leistung.
Die grösste Kritik geht von meiner Seite an den österreichischen Bariton Thomas Weinhappel, der einzige schon ziemlich bekannte der Sänger des Ensembles. Natürlich bringt Weinhappel in dieser Rolle unglaubliche optische Vorzüge auf die Bühne: gross und schlank und für viele Damen sicher fesch anzuschauen. Aber so ganz warm geworden, so ganz verführt hat mich dieser Giovanni nicht. Da war für mich viel statisches Spiel (zwei Gesichtsausdrücke), da fehlte mir der manchmal in der Partitur verlangte schmelzende, schokoladige, zärtliche Ton. Das war alles gleich laut (und manches zu laut) und manchmal wurde mir dann ein deutlich hörbares Vibrato nicht zum Genuss. Aber es war in dem jungen Sängerensemble durchaus eine gute Leistung, wie ich überhaupt an dieser Stelle sagen muss, dass die Ensemble-Stellen ganz unwahrscheinlich gut musiziert waren!!! Da waren alle gleich gut, unterstützt von einem tollen kleinen Orchester unter einem Dirigenten, der mehrmals um die eigene Achse rotiert ist, um ja auch alle Sänger zu erreichen. Köstlich!
Thomas Weinhappel interessiert mich aber. In welche Richtung wird er sich entwickeln? Der Kavaliersbariton braucht noch Schmelz und Zartheit…man darf sehr gespannt die Karriere dieses begabten österreichischen Baritons verfolgen. Wenn er mich auch nicht überzeugt hat, die Leistung eines ganzen Abends auf der Bühne und die gute Leistung in den Ensembles haben mich schon versöhnt.
Was wäre noch zu sagen? Ich stelle fest, dass ich viel geschrieben habe. Zu viel für die Leser. Aber ich sagte ja: dies ist keine Rezension, dies ist ein Bericht. Stellen Sie sich vor, liebe Leser, ich fasse das jetzt in eine Rezension zusammen. Und dann überlegen Sie sich, wem ich da wirklich gerecht werde. Worüber schreibe ich dann? So, wie in der durchschnittlichen Rezi zwei Drittel über ein abstruses und oft genug hässliches und dummes Regiekonzept? Zwei Zeilen über den Medien-Superstar? Und vielleicht nichts über einen Sänger, der toll war? (Ich habe zum Bsp. den Ferrando im Salzburger Trovatore grandios gefunden – keiner schrieb über ihn…). Dies ist einfach der Bericht meiner Eindrücke einer ganz wunderbaren „modernen“ – musikalisch hochklassigen Giovanni-Aufführung, die ich gestern erlebt habe. Ein wirklich durchdachtes Regiekonzept und so schliesst sich der Kreis:
wer spielt mit wem? Wer hat das Spiel gewonnen? Gab es einen Gewinner? Tutto nel mondo è burla…. nach dem Schluss-Ensemble gehen wir nämlich hinaus und siehe da: an den Spieltischen sitzen die Sänger…das Spiel geht weiter, immer weiter. Aber die Frauen, die werden das Spiel sicher nicht verlieren. Nicht solange die Hingabe der Elvira, die Leidenschaft der Anna und die verschmitzte, durchtriebene Zärtlichkeit der Zerlina irgend eine Bedeutung haben.

KIRCHSTETTEN SIEHT MICH WIEDER! KIRCHSTETTEN IST EINE REISE WERT! MEHR ALS EINE!

Sonntag, 31. August 2014


„La Traviata“ am Rhein Main Theater Niedernhausen am 30.08.2014

von Stefan Simon

Nach dem Scheitern des Versuches ein Musicaltheater in die Provinz zu bauen, blieb ein überdimensionierter Theaterbau in Niedernhausen mit 1500 Sitzplätzen bei Wiesbaden zurück. Statt Andrew Lloyd Webbers „Sunset Boulevard“ läuft dort nun ein sehr bunt gemischtes Angebot zwischen Chippendales und Oper. So auch die Premiere der Produktion von Giuseppe Verdis „La Traviata“ der Opera Classica Europa. Wie funktioniert nun Oper, wenn man nur zwei Bühnenprospekte hat? Wenn ein gemalter Baum und grüne Hügel mit davor platzierten Gartenmöbeln links und einem Schreibtisch mit Stühlen rechts ein Landgut des 19. Jahrhunderts vorstellen müssen? Nach dieser Premiere muß ich sagen: Sehr gut. Hier lag die ganze Last der Aufführung auf den Sängern und wie souverän haben sie diese getragen. Das Haus hat, obschon für Oper nicht ausgelegt, eine ausgezeichnete Akustik und einen sehr tief liegenden Orchestergraben, der zum Teil verdeckt ist. Das Orchester des Nationaltheaters Constanta unter der Leitung von Peter Falk meisterte dies ausgezeichnet und erreichte mühelos den notwendigen Verdiklang. Star des Abends war unbestritten Lynette Tapia als Violetta. Sie umschiffte jede Klippe der Partie mit einer Leichtigkeit, die den Schwierigkeitsgrad der Rolle vergessen ließ. Sie konnte die ganze Bandbreite des Charakters der Violetta ausloten und die Herzen des Publikums gewinnen. Die Leichtlebigkeit von „E Strano... Sempere libera“ brachte sie ebenso über die Rampe wie ihre Sterbeszene im 3. Akt. Das Publikum lächelte und weinte mit ihr an diesem Abend, ohne dass der Sängerin von einer ausgefeilten Beleuchtung oder einem beeindruckenden Bühnenbild Hilfe zuteil wurde. Hier mußte die Künstlerin allein mit ihrer Stimme, ihrem Ausdruck und letztlich mit ihrem Können das Publikum gefangen nehmen und genau diese Magie fand an diesem Abend statt. John Osborn übernahm die Partie des Alfredo. Der erfahrene Tenor meisterte sie mit strahlender Stimme, die man sich bei manchem Tenor des deutschen Faches wünschen würde, wo man oft steifes oder gar gebrülltes zu hören bekommt. Osborn war an diesem Abend möglicherweise etwas indisponiert, was aber aller höchstens an zwei bis drei stellen nur dem sehr aufmerksamen Zuhörer aufgefallen sein dürfte. Auf jeden Fall war er ein vollkommen ebenbürtiger Partner für Lynette Tapia, was sich spätestens bei „Parigi, o caro, noi lascermo“ zeigte. Viel besser kann man das nicht hören. William Wilson als Giorgio Germont war ein weitere Höhepunkt des Abends sein „Di Provenza il mar“ blieb zurecht nicht ohne Szenenapplaus. Nicht versäumen zu erwähnen sollte man Stephen K. Foster ein aus Hawaii stammender Newcomer als Baron Douphol, der für sein Alter eine erstaunliche Bühnenpräsenz zeigte und mit einer wunderbaren Bass/Bariton Stimme gesegnet ist. Insgesamt zeigte das Ensemble eine sehr gute Leistung ohne Unsicherheiten oder gar falsche Einsätze, mit sehr viel Spielfreude und Begeisterung, die sich übertrug, so dass man mit stehenden Ovationen allen Beteiligten dankte. Es wurde einmal mehr deutlich, dass die Oper für sich selbst bestehen kann und nicht der Hilfe eines Ausstattungszirkusses oder gar der Neudeutung durch einen Starregisseur bedarf, um ein Publikum zu begeistern. Es kommt auf die Musik und die Leistungen der Künstler an. Es wäre an der Zeit für viele Opernschaffende, sich darauf zu besinnen. Weitere Vorstellungen am 05.09.14 in der Stadthalle Wetzlar und am 06.09.14 im Theater Rüsselsheim.