Fast 30 Jahre gibt es sie nun schon:
Ferruccio Soleri's grandiose Inszenierung des Klassikers „Il
Barbiere di Siviglia“, und dennoch ist sie frisch und spritzig wie
am ersten Tag. Woran das wohl liegt? Vielleicht daran, dass Soleri
Rossini's wunderbares Werk seine Wirkung entfalten lässt und auf
Zeitverlegungen, scheußliche Farben, hässliche (bzw. nicht
vorhandene) Bühnenbilder, Rollstühle, Waschmaschinen und sonstige
Standardrequisiten des ach so möchtegern-innovativen „aktuellen“
Regietheaters verzichtet. Das Ergebnis? Ein Dauerbrenner an der
Bayerischen Staatsoper, der Jung und Alt fasziniert, zum Lachen
bringt und die bekannte Geschichte mit Tempo und Witz erzählt.
Bühnenbildner Carlo Tommasi hat die Drehbühne optimal genutzt und
lässt ein imposantes Wohnhaus mit typisch barockem Portal von außen
und innen erscheinen. Rosinas doppelt vergitterter Balkon (ja, die
überflüssige Vorsicht!) fehlt genauso wenig wie eine feinsinnige
Lichtregie, die den Wandel vom Morgengrauen, in dem der liebeskranke
Graf Almaviva mit extra angeheuerter Kapelle sein Ecco ridente il
cielo darbringt, zum strahlenden mediterranen Tag sehr gut
nachvollzieht. Die Personenregie steht ganz im Zeichen der Commedia
dell'arte, auf deren Stereotypen wiederum auch Rossinis Oper fußt.
Den Sängern wird Raum zur Improvisation gegeben, und genau dies tut
der Oper sehr gut.
Unter der musikalischen Leitung von
Keri-Lynn Wilson, die das Bayerische Staatsorchester leicht und
unaufdringlich sowie ohne Tempokapriolen dirigierte, konnte ein
beeindruckendes Sängerensemble seine Kunst entfalten. Edgardo
Rocha, der als Graf Almaviva wirklich alles daran setzte, seine
geliebte Rosina zu gewinnen, sang die schwierige Partie mit lockeren
Koloraturen und viel Eleganz, konnte jedoch auch mit durchdringenden
Spitzentönen überzeugen. Ebenso konnte er sein komisches Talent in
der herrlichen Szene Pace e gioia sia con voi wunderbar
zeigen. Schade, dass „Cessa di più resistere“, jene
berühmt-berüchtige Bravourarie am Schluss der Oper, nicht auch von
Rocha gesungen wurde. Es wäre mit Sicherheit ein Genuss geworden.
Lilly Jørstad als ebenso
spielfreudige wie stimmlich brilliante Rosina war eine wirkliche
Freude. Ihr schöner Mezzosopran meisterte die Partie mühelos und in
ihrer Kavatine Una voce poco fa präsentierte sie die ganze
Bandbreite des romantischen, sehr verliebten, aber eben auch sehr
gewitzten Mädels, dem man sofort abnimmt, dass es zur „vipera“
wird, wenn man es in die Enge treibt.
Einen schlauen und zu allen möglichen
Kniffen bereiten und selbstbewussten Helfer hatte sie im Figaro von
Etienne Dupuis, dem man den verschlagenen Barbiere nicht nur
in seinem sehr überzeugend dargebrachten Largo al factotum,
sondern auch in den Ensembles sofort glaubte. Mit gut sitzendem, voll
strömenden Bariton meisterte er die anspruchsvolle Rolle und gerade
das Duett mit dem Grafen All'idea di quell'metallo gelang
hervorragend. Figaro ist demnach der perfekte Geschäftsmann: Er weiß
um seinen Wert und hat keine Skrupel, sich dieses Talent auch gut
bezahlen zu lassen.
Renato Girolami als leer
ausgehender Dottore Bartolo, der so stark an die Figuren Dottore und
Pantalone aus der Commedia dell'arte erinnert, war genau so, wie man
sich diesen dünkelhaften Herrn vorstellt. Mit Spielfreude und Witz
sowie virtuosem Parlando sang er den so gescheiten Doktor, der alles
richtig machen will und letztenendes an seiner eigenen Vorsicht
scheitert. Fast könnte man Mitleid mit ihm haben, aber allerdings
auch nur fast, denn wenn man einmal gesehen hat, zu welch üblen
Intrigen er bereit ist, um Rosina unbedingt heiraten zu können,
verfliegt dieses Gefühl wieder. Musiklehrer und Hobbyintrigant Peter
Rose als Don Basilio war ihm ein ebenbürtiger Kumpan, dessen
berühmte Verleumdungsarie mit sonorem Bass, allerdings mit zuweilen
etwas schwachen Höhen gesungen wurde.
Selene Zanetti überzeugte als
unzufriedene Haushälterin Berta und der Rest des Ensembles
einschließlich Männerchor in wunderschönen Uniformen des 18.
Jahrhunderts trug ebenfalls zu einem wirklich gelungenen Abend bei.
Es könnte so schön, so anregend und
einfach gut sein, liebe Bayerische Staatsoper. Warum eigentlich nicht
immer so? Warum bei jeder eurer Neuproduktionen dieser ständige
Kniefall vor dem ebenso blasierten wie inkompetenten Feuilleton und
dem billig-primitiven Zeitgeist ? Ihr bekommt Steuergelder und habt
einen Bildungsauftrag. Kommt dem gefälligst nach und macht mehr von
solchen Produktionen wie diesem Barbiere di Siviglia! Oper, Publikum
und Gesellschaft werden es euch danken!
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